Irland Sieh mal, die Front!
Es ist die Fahrt durch einen Albtraum – durch den Westen von Belfast, wo Protestanten und Katholiken sich bekämpfen. Der Schauplatz lässt sich bequem besichtigen, vom Taxi aus, für 20 Euro
Er habe nichts gegen Protestanten, sagt Norman und stellt sein drittes Glas Guinness auf den Tresen seiner Stammkneipe. Sogar ein paar seiner Freunde seien protes-tantisch. Noch nicht einmal beim gemeinsamen Trinken gebe es Probleme. Nur das Singen, das sei eine gefährliche Sache. Und nahezu unvermeidlich. »Entweder fangen wir zu singen an oder die anderen. Manchmal wartet man nur darauf, dass jemand anfängt.« Und dann sei er plötzlich da. Grell und unerbittlich. Dann zucke er auf einmal durch die Schänke wie ein Blitz: der Hass.
Der Hass ist so alt wie der Kampf zwischen Protestanten und Katholiken in Nordirland. So alt wie die 400 Jahre währende Hegemonie der Engländer, ihre Apartheitspolitik und der gnadenlose Teufelskreis aus Repression, Rebellion und Rache. Die aktuelle Phase der unablässig hin- und herwogenden Fehde zwischen den katholischen, proirischen Republikanern und den protestantischen Loyalisten wütet seit 1968 in der britischen Provinz. Auch der vor fast fünf Jahren als »Karfreitagsabkommen« zusammengeschusterte Friede hat die troubles nicht zur Ruhe kommen lassen. Im Gegenteil. Wo früher Schwerter klirrten und Musketen krachten, belauern und bekriegen sich heute terroristische Gangs mit Plastiksprengstoff und halbautomatischen Pistolen. In den vergangenen 30 Jahren starben mehr als 3500 Menschen bei solchen troubles in Nordirland. Und nirgendwo hat sich der Konflikt tiefer in die sozialen Grundfesten eingeätzt als im Belfaster Nordwesten. Hier zerfranst die konfessionelle Topografie, stoßen die relativ homogenen Siedlungsgebiete im Osten und Westen der nordirischen Hauptstadt wie Kontinentalplatten aufeinander. Von Straße zu Straße wechseln die Parteien, aber jedes Ghetto ist definiert, wird leidenschaftlich verteidigt. Ein sicheres Rezept für ein endloses Katastrophenszenario, in dem schon winzige Funkenschläge der Provokation tief sitzende Aversionen entzünden.
Die Katastrophe lässt sich mittlerweile bequem besichtigen. Für rund 20 Euro chauffieren Taxifahrer wie Norman Touristen anderthalb Stunden lang durch die Viertel um die katholische Falls und die protestantische Shankill Road – Frontberichterstattung inbegriffen. Die beiden mit einem Abstand von 400 Metern parallel verlaufenden Magistralen bilden die Nahtstelle zwischen den verfeindeten Lagern West-Belfasts. Paramilitärische Verbände und der gärende Volkszorn stehen sich hier jeweils unmittelbar gegen-über. Jetzt werden die Trouble Tours sogar von der nordirischen Zentrale für Fremdenverkehr beworben. In einer ihrer Broschüren spricht sie von »eindrucksvollen Erlebnissen, die sich Belfast-Besucher nicht entgehen lassen sollten«. Die ersten Terrortouristen waren backpackers aus Amerika und Australien in den späten neunziger Jahren.
Niemand traut sich in den Garten, auch nicht bei schönem Wetter
Nieselregen stäubt aus einem schmutzigen Himmel auf die buckligen Taxis, die sich am Westrand der City zusammengerottet haben. Von ihrem Parkplatz zum viktorianischen Pomp der Innenstadt sind es nur wenige Gehminuten, doch im Schatten schmuddeliger Industriemauern und Wettbüros wirkt das Ödland wie aus einer anderen Welt. Die schwarzen Gefährte gehören zur IRA-nahen Falls Road Taxi Association. Sie wurde in den siebziger Jahren gegründet, als man so lange öffentliche Busse entführte und als Barrikaden für Straßenkämpfe benutzte, bis deren Verkehr schließlich eingestellt wurde. Seitdem sind die einst in London und Liverpool zusammengekauften Taxis die wichtigsten Verkehrsmittel für die katholischen Stadtteile West-Belfasts. Gelenkt werden sie nicht selten von haftentlassenen IRA-Terroristen, die für viele andere Jobs nicht mehr infrage kommen. Und im weiter nördlich gelegenen Gebiet um die Shankill Road kurven die protestantischen Pendants einer probritischen Organisation. Auch sie verlassen ihr konfessionelles Revier so gut wie nie. »Zu gefährlich«, sagt Norman, der früher auch für die Falls Road Taxi Association durch die Katholikenviertel kreuzte, bis er sich mit ein paar Freunden selbstständig machte. Heute bietet Norman organisierte Touren in beide Teile an. Sightseeing mit Touristen ist vor allem in den Sommermonaten einträglicher als der reguläre Betrieb.
Normans Tour startet gleich hinter dem Treffpunkt seiner ehemaligen Kollegen, wo ein Autobahnzubringer die City wie ein Machetenhieb durchtrennt. Aus dem Schnitt rinnt die Falls Road als Strom niedriger Backsteinhäuser in Richtung Westen. Kleine Läden, Coffeeshops und Fish-and-Chips-Buden geben der Straße auf den ersten Blick den gedrungenen Charme eines alltäglichen working-class-Boulevards. Dass sie dies nicht ist, zeigt ihre Funktion als Freiluftgalerie. Die meisten Giebelwände zieren Malereien in den irischen Farben Grün, Weiß und Goldorange. Sie sind Fanale wütenden Stolzes: Keltische Symbole und gälische Parolen füttern das republikanische Ego, Bibelszenen kräftigen die katholische Seele, und Schwadronen von überlebensgroßen Kerlen mit Sturmkappen und Schnellfeuergewehren im Anschlag signalisieren Kampfbereitschaft. Man sieht historische Motive wie die gespenstischen Gestalten des Great Famine, der großen Hungersnot, die Mitte des 19. Jahrhunderts innerhalb von fünf Jahren ein Achtel der irischen Bevölkerung unter den Augen ihrer Besatzer dahinraffte. Und immer wieder leuchtet das Bildnis von Bobby Sands in den Straßenzügen auf. Seine Locken und sein mattes Ikonenlächeln lassen den Anführer des Hungerstreiks von 1981, während dessen zehn IRA-Gefangene ihr Leben ließen, wie einen modernen Christus aussehen. So konservieren die murals, die Tragödien vieler Generationen im Kollektivbewusstsein, als seien sie alle erst gestern geschehen.
Gegenüber einem Madonnengraffito ragt der Divis Flats Tower in die Höhe. Ein bis an die Zähne bewaffnetes, von einem Hubschrauberlandeplatz gekröntes Monster, das aus zahllosen Augen in das Viertel starrt. Auf dem Dach des Wohnturms haben Polizeieinheiten der Royal Ulster Constabulary Stellung bezogen und observieren das Leben zu ihren Füßen mit Präzisionskameras. »Wenn du dich hier öfter aufhältst, wissen sie, wohin du gehst, woher du kommst und mit wem du dich triffst. Sie kennen deine Schuhgröße, deine Augenfarbe, und sie wissen, wann du rasiert bist und wann nicht«, sagt Norman und kurbelt das Autofenster herunter. Mit gestrecktem Arm hält er seine Zigarettenschachtel ins Freie. »Und jetzt sehen sie auch, welche Marke ich rauche.« Norman lächelt nicht, als er dies sagt. Er meint es ernst. Die Frage, ob auch Bekannte von ihm auf dem gerade links liegenden Milltown Cemetery liegen, ignoriert der hagere Mann mit den roten Haaren und der etwas zu großen Nase. Statt einer Antwort wuchtet er laut den nächsten Gang ins Getriebe. Der Friedhof an der Falls Road ist ein sensibles Thema. Auf ihm sind ehemalige IRA-Mitglieder begraben und werden dort wie Märtyrer verehrt. » Killed in action« steht auf ihren Grabsteinen, » assassinated« oder » no surrender«. Nur wenige wurden älter als 30 Jahre.
- Datum 07.05.2008 - 13:52 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 05/2003
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