Am Anfang stand das Bier: pivo. Das Wort hat Sarah Ulbig schon als kleines Kind von ihrem Vater gelernt. Jetzt kennt sie Vokabeln wie "ty vole!". Der Vater schätzt die tschechische Braukunst, die Tochter mag inzwischen die tschechische Sprache.

Dass dafür ein Ausdruck wie "du Ochse!" als Beleg herhalten soll, erscheint ungewöhnlich. Aber erstens verwenden den laut Sarah extrem viele Tschechen, wenn sie "verdammt!" sagen wollen. Zweitens hat die 15-Jährige ihr Wissen einer ungewöhnlichen Konstellation zu verdanken: Viele umgangssprachliche Wörter haben ihr Klassenkameraden beigebracht, tschechische, wohlgemerkt. Sarah geht auf das erste deutsch-tschechische Gymnasium in Deutschland. Binational und bilingual, das sind die Schlagworte, mit denen das Friedrich-Schiller-Gymnasium im 25 Kilometer von der tschechischen Grenze entfernten Pirna für sich wirbt. 100 Schüler in drei Klassen machen sich dort in jedem Herbst auf den Weg zum Abitur. 15 Schüler in einer besonderen Klasse dürfen sich dabei als Auserwählte fühlen. Sie sind es sogar im wörtlichen Sinne, haben eine Aufnahmeprüfung bestanden.

In der fünften Klasse lernen sie sieben Stunden pro Woche Tschechisch, in der sechsten Klasse sechs Stunden. Im Jahr darauf werden sie mit 15 tschechischen Schülern, die bis dahin in ihrer Heimat Deutsch gelernt haben, in einen Klassenverband zusammengeführt. Von da an werden die Schüler in immer mehr Fächern gemeinsam unterrichtet: in Informatik, Sport und Musik auf Deutsch, in Kunsterziehung auf Tschechisch. In Geografie findet getrennter, aber jeweils zweisprachiger Unterricht statt. Am Schluss erwerben alle die Hochschulreife – in beiden Ländern anerkannt.

Das Tschechische begegnet einem im neobarocken Schulgebäude auf Schritt und Tritt. Alles ist zweisprachig, von den Fluchtwegeplänen bis zur Tafel mit der Schiller-Biografie. Überall Wörter mit Häkchen und Strichen, die der Reformator Jan Hus eingeführt haben soll. Aber die stellen für die Schüler kein großes Problem dar. Sie haben andere Sorgen. Der zehnjährige Tilmann Moritz Michael ärgert sich, dass er "vorne" und "hinten" verwechselt. Die 14-jährige Judith Albrecht klagt über die Konditionalsätze. "Aber immerhin komme ich jetzt mit den sieben Fällen klar." Und Sarah Ulbig kämpft mit dem Unterschied zwischen vollendeten und unvollendeten Verben. "Aber das Hauptproblem waren von Anfang an die Ausnahmen", sagt die Zehntklässlerin. Die ersten hat sie gleich in der fünften Klasse gelernt, die letzten wird sie wohl bis zur zwölften nicht geschafft haben. "Eigentlich besteht die ganze Sprache aus Regeln, die nicht gelten", sagt Klára Czastková, eine von elf tschechischen Lehrerinnen und Lehrern, die am Schiller-Gymnasium unterrichten. "Es ist eine schwere, chaotische Sprache."

Englisch bleibt Pflicht

Schulleiter Bernd Wenzel, an dessen Tür selbstredend auch das Wort ≥editel prangt, hat dennoch nicht das Gefühl, mit dem Chaos Kinderquälerei zu betreiben. "Mit dem Tschechischen erschließen sich die Schüler eine zusätzliche Welt", sagt er. Tschechien, das sei Mitteleuropa, ein wichtiger sprachlicher Raum. Natürlich sei an seiner ∆kola Englisch weiterhin Pflicht, auch Französisch und Russisch sind im Angebot. "Aber wir müssen Grundhaltungen durchbrechen. Die längste Außengrenze hat Deutschland schließlich nicht zu Frankreich, sondern zu Tschechien." Im Grenzgebiet und bei grenzüberschreitend arbeitenden Firmen könnten die Tschechisch-Kenntnisse der entscheidende Vorteil sein, wenn sich seine Schüler später bewerben, meint Wenzel. Der Verweis auf die bevorstehende EU-Mitgliedschaft Tschechiens folgt natürlich noch.

Auch von Sarah. Sie sei sich sicher, eine wichtige Sprache zu lernen. "Ich möchte vielleicht mal nach Prag gehen. Ich interessiere mich für Fotografie und Innenarchitektur – und Prag ist eine echte Künstlerstadt." Judith freut sich, "eine Sprache zu sprechen, die nicht jeder kann". Und Tilmann denkt pragmatisch: Später werde er beim Einkaufen im Nachbarland besser klarkommen.

Sein älterer Bruder lernt auch in einer Tschechisch-Klasse. Das war sein Anreiz. Bei Sarah war es die "beste Freundin, die auch hierhin wollte. Und die Tatsache, dass ich schon in der Grundschule Englisch und Französisch hatte und wusste: Ich kann gut mit Sprachen." Also machte sich Sarah 1997 auf zur Aufnahmeprüfung. "Wir gehören zu den so genannten Paragraf-4-Schulen in Sachsen, machen also Begabtenförderung", erläutert Bernd Wenzel. "In der Prüfung testen wir vorwiegend spielerisch das Denk- und Merkvermögen, die Kreativität sowie die soziale Kompetenz." Auch auf tschechischer Seite gebe es eine Auswahl.