Hans-Martin Gerlach, 62, leitet die Kant-Forschungsstelle des Philosophischen Seminars der Universität Mainz

Mein Studium habe ich 1964 in Leipzig abgeschlossen, bin dann ans Philosophische Institut der Universität Halle gegangen. Einige Kollegen aus dem Westen fragten nach der Wende ganz überrascht: "Ja, gab es denn nicht nur Institute für Marxismus-Leninismus bei euch?" Natürlich gab es die. Aber auch eigenständige Philosophische Institute. Und natürlich gab es in der DDR zentrale Studienprogramme. Aber wie die an den einzelnen Universitäten ausgefüllt wurden, das hing sehr von den lehrenden Persönlichkeiten ab.

1975 habe ich mich mit einer vergleichenden Arbeit über Heidegger und Jaspers habilitiert. Der Heidegger-Teil ist dann im Berliner Akademie Verlag erschienen. Das Buch war in Ost und West sehr schnell vergriffen. Später wurde ich zum Dozenten an der halleschen Universität für Philosophiegeschichte berufen, bekam 1982 eine Professur für Geschichte der Philosophie. 1991 wurden wir dann abgewickelt. Die Evaluation verlief aufgrund meiner Publikationen für mich positiv.

An der neu gegründeten halleschen Universität war auch eine Professur für Geschichte der Philosophie zu vergeben, die wurde gesamtdeutsch ausgeschrieben. Da war mir natürlich klar, dass die Institutionen, die mich abwickelten, mich zwar für ein Bewerbungsverfahren zuließen, dass ich aber kaum eine Chance hatte. Und so stand ich 1993 auf dem Leipziger Arbeitsamt.

Zum Glück hatte ich im März 1989 auf einer Heidegger-Tagung in Freiburg Professor Seebohm aus Mainz kennen gelernt. Gleich nach der Wende sagte er mir, wenn er etwas für mich unternehmen könne, würde er das gern tun. Und es tat sich tatsächlich etwas: Das Philosophische Seminar der Mainzer Universität fragte an, ob ich eine C4-Vertretung übernehmen wolle. Eine attraktive Alternative zum Arbeitsamt. Aus einem Semester wurden sieben. Ich nahm am Bewerbungsverfahren auf diese Stelle teil und wurde schließlich berufen.

Mainz war eine neue Welt. Wir hatten zu DDR-Zeiten nicht diese Massenuniversität, das Verhältnis zu den Studenten war persönlicher. Auch der Studienablauf war anders. Das waren fünf durchgeplante Jahre, wie in der Schule. Und wer als Lehrender nicht gerade beweglich war, konnte über Jahre die gleichen Seminare und Vorlesungen anbieten. In Mainz muss ich in jedem Semester vier Veranstaltungen anbieten; Vorlesungen, Seminare, immer was Neues. Beim ersten Vertretungssemester hatte ich was, beim zweiten auch, beim dritten wurde es schon ein Problem. Ich musste intensivst arbeiten, um mir in kürzester Zeit neue Räume zu erschließen. Das Verhältnis zu den Kollegen war überwiegend positiv. Sie waren neugierig, abwartend, hatten ein offenes Herz und einen offenen Verstand. Das war eine ungeheuer anstrengende, erlebnisreiche, schöne Zeit.

Nach ein paar Semestern bin ich den Studenten sogar mit dem alten Marx gekommen. Der Hörsaal war gerammelt voll, die wollten natürlich wissen: Was sagt denn der aus dem Osten zu Marx? Ich habe mich dann mal nach einer Vorlesung mit interessierten Studenten zusammengesetzt und erzählt, wie der Lehrbetrieb im Osten war. Das war ein mehrstündiges, hoch interessantes Gespräch. Wir sind alle mit einem Erkenntnisgewinn, der Wissenslücken stopfen konnte, auseinander gegangen.