Petra Winzer, 47, Professorin für Produktsicherheit und Qualitätswesen im Fachbereich Sicherheitstechnik der Universität Wuppertal

Ich habe in den siebziger Jahren an der TU Dresden Elektrotechnik und Arbeitsingenieurwesen studiert. Dafür zugelassen zu werden war nicht schwer: Ich hatte ein sehr gutes Abitur, es interessierten sich nur wenige Frauen für ein ingenieurwissenschaftliches Studium, und – damals ein weiteres Kriterium – meine Eltern kamen nicht aus akademischen Berufen.

Als mir dann auch noch ein sehr guter Studienabschluss gelang, hätte ich 1977 ein Forschungsstudium beginnen und promovieren können. Aber ich wollte erst in die Praxis und habe drei Jahre lang Leitstände von Kraftwerken gestaltet. Als die Kinder kamen und ich nicht mehr morgens um vier rausfahren konnte, wechselte ich an die Hochschule für Bauwesen in Cottbus. Da hatte ich einen Forschungsauftrag über fünf Jahre zur Fertigungsoptimierung von Sanitärzellen für Plattenbauten. Den Auftrag zu akquirieren war einfach; ich musste nur auf zehn Seiten das Forschungserfordernis begründen. Hart aber war die jährliche Präsentation der Ergebnisse. Wenn die Auftraggeber mit der Arbeit nicht zufrieden gewesen wären, hätte die Forschung sofort abgebrochen werden können. Heute ist das umgekehrt: Es braucht lange, um ein Forschungsprojekt zu akquirieren, doch mir ist nicht bekannt, dass ein Projekt abgebrochen wurde, wenn ein Expertengremium gemeint hat, dass die Qualität der Forschungsergebnisse nicht gestimmt habe.

1985 habe ich an der TU Dresden auf dem Gebiet der Fertigungsprozessoptimierung extern promoviert, blieb aber weiter an der Hochschule für Bauwesen in Cottbus. Als die Wende kam, bemühte ich mich um Kooperationen mit ähnlich ausgerichteten Lehrstühlen in den alten Bundesländern. Die Ruhr-Uni in Bochum bot mir 1990 einen Werkvertrag. Die Studenten schmunzelten über die Promovierte, die sich erst in die Office-Programme einarbeiten musste. Natürlich hatten wir in der DDR auch an Rechnern gearbeitet, aber unsere Programme hießen nicht Word und Excel, sondern Pasqual und Fortran. Nachts schrieb ich an meiner Habilitationsschrift. Aber weil mein Nachname mit "W" beginnt, hatte ich damals noch nicht meinen "Persilschein" von der Gauck-Behörde. Deshalb empfahlen mir die Bochumer Kollegen, ich solle mich besser in Dresden habilitieren lassen, da ich dort bereits Vorleistungen erbracht hätte. Doch durften die Professoren alten Rechts keine Habilitationen durchführen – und die neuen Rechts waren noch nicht da. Also kamen die Habil-Pläne erst einmal in die Schublade, und ich ging zurück nach Cottbus. Dort hatte sich die Hochschule für Bauwesen in eine Technische Universität gewandelt. Das Personal wurde zunächst auch ohne "Persilscheine" übernommen, wobei aber alle Lehrstühle neu ausgeschrieben wurden. Im November 1994 kam dann endlich das Okay aus der Gauck-Behörde. Ich habilitierte ein halbes Jahr später extern an der TU Berlin auf dem Gebiet der Qualitätswissenschaft.

Neben meiner Arbeit in Cottbus war ich auch freiberuflich tätig. Ich war mir nicht sicher, ob ich die universitäre Laufbahn einschlagen oder in die Wirtschaft gehen sollte. Vorrangig wollte ich an die Hochschule und bewarb mich auf mehrere Lehrstühle. Aus heutiger Sicht sicher nicht sehr punktgenau, aber wenn man es als ehemalige DDR-Bürgerin gewohnt ist, langfristig seine beruflichen Perspektiven zu kennen, bricht sich das Sicherheitsbedürfnis Bahn. Zum Glück war dann meine Stelle in Wuppertal eine Punktlandung. Die Zeit nach der Wiedervereinigung hat mich auf jeden Fall noch beweglicher gemacht. So habe ich sehr viel in Zusatzqualifikationen investiert. Neid auf "West-Kollegen", die es vielleicht einfacher hatten, kenne ich nicht. Ich hatte für mich ein Ziel und habe es kontinuierlich verfolgt. Das war zu DDR-Zeiten nicht anders. Wir sollten nach zwölf Jahren deutscher Einheit weniger an Gräben als an Gemeinsamkeiten denken und arbeiten.