Professor Gerhard Banse, 56, ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Technikfolgenabschätzung und Systemanalyse in Karlsruhe

Von 1965 bis 1969 habe ich in Potsdam Chemie, Biologie und Pädagogik studiert und zwei Jahre als Lehrer gearbeitet. 1974 promovierte ich am Institut für Philosophie der Humboldt-Universität und wechselte an das Zentralinstitut für Philosophie an der Akademie der Wissenschaften. Seitdem bewege ich mich in der Technikphilosophie und -bewertung. 1981 habilitierte ich mich, 1988 wurde ich zum Professor für Philosophie ernannt.

In den sechziger Jahren wurde viel über Technik debattiert, reflektiert und auch philosophiert. Das war ideologieübergreifend, auch noch Ende der Achtziger. Ich gab 1979 mit meinem Kollegen Siegfried Wollgast das Buch Philosophie und Technik heraus. Das wurde im Westen sehr positiv aufgenommen, beispielsweise vom Verein Deutscher Ingenieure. Nach einigen misslungenen Versuchen gab es danach eine gute Kooperation und regelmäßige Treffen zwischen Technikphilosophen aus der DDR und der Bundesrepublik. So waren uns unsere Positionen gegenseitig bekannt, und wir stellten fest, dass die gar nicht so weit auseinander lagen.

Deswegen war nach dem Ende der DDR der theoretische Übergang kein großer Bruch; ich konnte mit meinen Arbeiten sehr gut anknüpfen. Weitaus schwieriger war der organisatorische Rahmen: Durch die Auflösung der Akademie der Wissenschaften war mir der institutionelle Boden entzogen, und ich versuchte über viele Jahre, mich in das neue Wissenschaftssystem zu integrieren. Aber auch da hatte ich weder in der Lehre noch in der Forschung größere inhaltliche Probleme. Dass ich, trotz vergleichbaren Arbeitsquantums, kein Professoren-, sondern ein Mitarbeitergehalt bekam – Schwamm drüber. Wichtiger war mir die inhaltliche Kontinuität. Als Mitarbeiter der Akademie der Wissenschaften waren wir bevorzugt im Wissenschaftler-Integrationsprogramm. Ich bewarb mich an die TU Cottbus und arbeitete dort fünf Jahre im Bereich Technikphilosophie und Allgemeine Technikwissenschaft. Eine feste Stelle konnte man mir allerdings nicht anbieten. Dann bin ich für ein Dreivierteljahr nach Potsdam gegangen.

Durch einen Zufall kam ich schließlich nach Karlsruhe: Ich hatte Anfang der neunziger Jahre auf einer Konferenz Armin Grunwald kennen gelernt, einen Physiker und Philosophen, der ähnliche wissenschaftliche Interessen und Sichtweisen hatte. Später wurde er Stellvertretender Direktor der Europäischen Akademie zur Erforschung von Folgen wissenschaftlich-technischer Entwicklungen Bad Neuenahr-Ahrweiler. Auch durch seine Vermittlung bekam ich von dort für drei Jahre den Auftrag, Kontakte nach Osteuropa herzustellen. 1999 wurde Grunwald Direktor des Instituts für Technikfolgenabschätzung und Systemanalyse im Forschungszentrum Karlsruhe, er bot mir eine unbefristete Stelle an. Ich sagte zu. Seitdem pendle ich zwischen Berlin und Karlsruhe.

Eine Benachteiligung gegenüber den Westkollegen habe ich nie empfunden. Das ist alles sehr ordentlich gelaufen. Der Lehrstuhlleiter in Cottbus, der aus Stuttgart kam, hatte da eine sehr offene, ausgleichende Position. Die eine Hälfte der Mitarbeiter war aus den alten, die andere aus den neuen Bundesländern. Auch in Karlsruhe werde ich gleich behandelt. In den achtziger Jahren hat ein Kollege oft einen Satz zitiert, ich glaube, von Lewis Carroll: "Man muss heute ziemlich schnell laufen, um an der gleichen Stelle zu bleiben – wie schnell muss man erst laufen, um voranzukommen." Das galt für einen Wissenschaftler in der DDR, das gilt erst recht für einen in der BRD. Ich denke, ich war darauf gut vorbereitet.

Alle Texte aufgezeichnet von Thomas Röbke