Die Ablehnung eines Krieges gegen den Irak ist in Frankreich gegenwärtig ebenso groß wie in Deutschland. Dennoch gibt es ein erstaunliches Ungleichgewicht zwischen Symbol- und Realpolitik. In Deutschland ist die Irak-Krise trotz der erklärten Kriegsenthaltung der Bundesregierung das alles beherrschende Thema, das bereits eine breite Friedensbewegung mobilisiert. Dagegen herrschen im militärisch längst zu erhöhter Einsatzbereitschaft gerufenen Frankreich eine ungleich größere Ruhe und Gelassenheit. Nicht, dass es an markanten Stimmen in der französischen Politik und Publizistik von links bis rechts fehlte, die einen amerikanischen Angriff einhellig ablehnten. Aber es gibt nahezu keine Panikmache von Friedensfreunden auf der Straße, ebenso wenig wie organisierte Schriftsteller-Appelle in den Medien. Im Gegensatz zu Deutschland bleibt das französische Stimmengewirr überschaubar. Denn Staatspräsident Chirac hat es fertig gebracht, selber zur Verkörperung einer Art von oberster Friedensbewegung zu werden, die weniger auf die Leidenschaften der Basis als auf den Überbau der internationalen Diplomatie zielt.

Den Unterschied zwischen beiden Ländern hat Chirac am Anfang der deutsch-französischen Festwoche zum Elysée-Vertrag definiert. Es gebe mit Deutschland in der Irak-Frage "keine Divergenzen in der Perspektive, sondern im Ausdruck". Damit meint er keinesfalls Zurückhaltung oder Kompromissbereitschaft gegenüber den USA. Im Gegenteil: Die Deutlichkeit, mit der Frankreichs Außenminister Dominique de Villepin jetzt vor den UN den Krieg abgelehnt und indirekt mit einem Veto im Sicherheitsrat gedroht hat, vertieft den Graben zwischen Paris und Washington.

Eher zielte Präsident Chirac mit dem Begriff "Ausdruck" auf gewisse politische Verkehrsformen, die es erforderlich machen, dass ein außenpolitisch lange Zeit unbedeutender und isolierter Akteur wie Deutschland erst neue Verbündete suchen muss, bevor er es wagen kann, sich bei alten Verbündeten unbeliebt zu machen. Seit der Irak-Krise fühlt sich Deutschland so einig mit Frankreich wie seit Jahren nicht mehr. Doch aus französischer Sicht wirkt dieser Nachbar so wenig verlockend wie eh und je: wortgewaltig und tatenarm, dafür aber allzeit leicht erregbar.