In aufrichtiger Trauer gedenken wir in diesen Tagen der Stadt Frankfurt am Main. Wir bedauern ihren Niedergang und das Ende ihres Ruhms. Dieses Schicksal hat sie nicht verdient! Denn in welcher deutschen Stadt leben so viele Menschen, die schon mit einem Euro am Tag glücklich sind? Oder mit einem Zigarettenstummel aus der hilfreichen Hand des Fremden? In welcher Stadt liegen so viele nützliche Dinge auf offener Straße herum, verbeulte Autos, antike Waschmaschinen, Kühlschränke, Musiktruhen und Stehlampen? Diese Großzügigkeit muss die Stadt nun teuer bezahlen. Flach gerechnet, wird Frankfurt bis zum Jahr 2006 einen Schuldenberg von 1,8 Milliarden Euro auftürmen. Die Buchmesse wandert nach München, und im Oktoberfestzelt Zur Prallen Lisl überreicht Oberbürgermeister Ude den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels an Helmut Markwort. Der Frankfurter Max-Turm der Deutschen Bank wird gebaut, aber in Berlin. Die ersten Bürger verlassen Frankfurt gen Fulda.

Im Gegenzug steigt das Wasser im Main. Es steigt und steigt. Er tritt über die Ufer. Auf trübem Wasser treiben Frankfurter Würstchen. Auch Brezln. Der Ruderverein Germania meldet "Land unter!". In der internationalen Deutschlandausgabe der Frankfurter Rundschau, Lokalteil Neu-Isenburg, fordert die Gewerkschaft ver.di eine Nässezulage nicht unter zehn Prozent. Im Kaisersaal bröckelt der Putz. Petra Roth sagt der Hessenschau, Frankfurts Untergang sei "eine Frage der Perspektive". Sarah Sorge von den Grünen fordert mehr Schwimmkurse für Alleinstehende. Roland Koch mehr Amphibienpanzer. Die Bildungsministerin Ruth Wagner beschwört Adorno. Hilmar Hoffmann verlangt ein Machtwort von Leni Riefenstahl und einen Triumph des Willens. Der neue Intendant des Hessischen Rundfunks sendet patriotische Lieder: "Mein Kopp dud weh, mei Füss schtinke, isch glaub isch muss en Bämbel dringe." Die Oper spielt Händels Wassermusik. Das Theater spielt Krapps letztes Band. Das TAT spielt gar nichts, denn es wurde schon zu Trockenzeiten geschlossen. Kulturdezernent Nordhoff beteuert, die Kunstszene werde bald in alle Welt ausstrahlen, zumindest bis Bockenheim. Auf dem Römer schimmeln die Knusperhäuschen. Oberbürgermeisterin Petra Roth besteigt eine Gondel und flieht über den Wasserweg nach Wiesbaden ins Exil. Schwermut rinnt wie Sirupschlieren an den Spiegelfassaden der Hochhäuser. "Provisionsfrei zu vermieten". Brackwasser bedeckt die magische Leere. Über den Dächern von Frankfurt dreht ein Verrückter im Motorsegler seine Runde. Die Sonne geht unter, Jagdflieger steigen auf. Dann ist