Kann man einen Vater lieben, der ein Nazitäter war? Muss dessen Biografie mit kaltem Blick von außen geschrieben werden? Oder ist es möglich, sich den Tätern und Mittätern gewissermaßen von innen zu nähern? Mit diesen Fragen hat sich Herrad Schenk, 1948 geboren, mehr als 30 Jahre nach dem Tod ihres Vaters auf die riskante, schwierige Suche nach Walter Schenk begeben, der von 1941 bis 1944 den SD im besetzten Galizien leitete, wo allein über eine halbe Million jüdischer Menschen ermordet wurden.

Obwohl der Vater nach dem Krieg innerhalb der Familie keinen Hehl aus seiner Mitgliedschaft in der NSDAP und dem SD machte, war doch die Frage nach seiner Beteiligung am Judenmord tabu. Keines seiner Kinder stellte sie, solange er lebte, und erst nachdem auch die Mutter gestorben war, begann Herrad Schenk mit den Nachforschungen. Ihre Quellen sind die SS-Personalunterlagen und andere Dokumente aus der NS-Zeit, Vernehmungen aus den sechziger Jahren, vor allem aber Walter Schenks Aufzeichnungen nach dem Krieg und die zahlreichen Briefe, die sich die Eltern zwischen 1945 und 1954 geschrieben haben.

Der verstörte Mann fühlt sich als Versager, nicht als Verbrecher

Walter Schenk, Jahrgang 1911, gehörte zu jener Kriegsjugendgeneration, die statt "Frontbewährung" die politischen und wirtschaftlichen Krisenjahre nach dem Ersten Weltkrieg erlebten. Wenn diese Generation etwas verachtete, dann waren es die in ihren Augen hohlen liberalen Versprechungen einer bürgerlichen Zivilgesellschaft. Schenk wollte Schriftsteller oder Journalist werden, studierte in Köln Philosophie, Geschichte, Germanistik. Dort begegnete er Herta Schulz. "Luscha", wie er sie bald nannte, war drei Jahre älter, kam aus einer verarmten bürgerlichen Familie, hatte Gärtnerin gelernt, träumte aber ebenfalls von einem Leben als Schriftstellerin.

Zunächst geht sie als Dramaturgieassistentin zur Ufa nach Berlin. Ein folgenloses Techtelmechtel mit Gottfried Benn, ein demütigendes Verhältnis mit Ernst von Salomon, eine Abtreibung, ein veröffentlichter Roman, ein Jahr in Südtirol, ohne dass ein neues Buch entsteht - "Luscha" ist 1936 mit ihren hochfliegenden Plänen gescheitert. Walter Schenk kann sein Studium aus finanziellen Gründen nicht vollenden

als Schriftsteller fehlt ihm, so gesteht er sich später ein, das Talent. Wohin aber mit dem Gestaltungswillen, dem Drang, die Welt nicht nur zu deuten, sondern auch zu verändern?

1933 tritt er in die SA ein, zwei Jahre später wird er hauptamtlicher Mitarbeiter des SD. Wie viele andere junge Akademiker seiner Generation glaubt Walter, zur "geistigen Elite" des NS-Regimes zu gehören, im Zentrum der Macht die neue Ordnung mitgestalten zu können. Als sich die beiden Ende 1936 in Berlin wiedersehen, ist er Referent im SD-Hauptamt mit glänzenden Karrierechancen. Nun bleiben sie zusammen und heiraten 1940. Wenig später wird Walter in den Osten kommandiert, zuerst nach Litzmannstadt/Lodz und Krakau, dann vom September 1941 an als SD-Chef nach Lemberg. Seine Frau folgt ihm wenige Wochen später.