Ich schien beseelt nur noch von Nachtgespenstern, / die sich nach besseren Zeiten sehnten, leider nach den alten. / Ich aber gutgebautes Geisterhaus / sah mich nach neuen Geistern eifrig um / mit Sorgfalt sucht ich mir die neuen Mieter aus: / Jetzt sind sie da, erwarten dich, mein Publikum."

Im Januar 2000 begann mit diesem Gedicht die Ära Claus Peymanns am Berliner Ensemble. Es war ein gewaltiger Moment: Brechts Theater, vielleicht gar Brechts Geist, begrüßte persönlich den neuen Chef (auch wenn die Zeilen angeblich von Peymanns Hausdichter Thomas Brasch stammten und Peymanns Schauspielerin Maria Happel sie in den Abendhimmel sprach). Alle, die damals dabei waren, schwören, die alten Geister seien kreischend aus dem Gebäude geflohen.

Im Licht der jüngsten Regiearbeit Peymanns erweist es sich, dass die alten Geister nicht arg weit flohen. Sie ließen sich wie Aasgeier auf den umliegenden Dachfirsten nieder und beobachteten das Treiben am BE. Ihre Zuversicht wuchs dabei ständig. Jetzt sind sie heimgekehrt. Den energischen Herrn, der sie einst verscheucht hatte, erkannten sie kaum wieder: Der ist alt geworden, duckte sich, als sie ins Haus zurückflogen, und zwinkerte ihnen, die tatsächlich wie Geier aussahen, freundlich zu: Schön, dass ihr wieder da seid; vielleicht besser so.

Nach drei Jahren an Brechts Theater hat der Intendant endlich ein Stück von Brecht inszeniert, Die Mutter. Und wer jetzt dabei war, schwört: Die alten Geister saßen feixend auf den Schultern der Schauspieler.

Im Saal hat man sich über das Wiedersehen gefreut. Der Applaus war so herzlich, dass das Feuilleton der Welt einen Frontstadt-Flashback erlitt und das BE als "demagogische Anstalt" ausschimpfte: "Das Publikum weiß sein Glück nicht zu fassen. Wer hätte das auch nur zu denken gewagt: Der Kommunismus als in seinem Kern immer noch glühendes und leuchtendes Menschheitsversprechen; die immer gleichen einfachen Wahrheiten von Oben und Unten…"

Brechts Lehrstück wurde 1932 uraufgeführt. Es handelt davon, wie eine Idee sich ausbreitet, jenes "Einfache, das schwer zu machen ist", der Kommunismus. Gezeigt wird die Wandlung einer gottesgläubigen, analphabetischen Frau, Pelagea Wlassowa, zur Revolutionärin im zaristischen Russ-land. Peymann entfaltet die Wunder des Agitationstheaters mit solcher Sorgfalt, dass man lange nicht weiß: Ist das hier eine hauchfein über der Vorlage schwebende Parodie? Aber nein, es ist die Feier für eine große Idee. Und es ist das Grab für einen kleinen Regieeinfall. Denn Peymann legte die Premiere der Mutter auf den 15. Januar – den 84. Todestag Rosa Luxemburgs.

Rosa L. weist den Weg

So wird die Revolutionärin zur Schirmherrin der Inszenierung und zur geistigen Wegweiserin der Pelagea Wlassowa; immer wieder betritt Rosa in Gestalt der Schauspielerin Therese Affolter die Bühne und spricht best of- Stellen aus ihren Reden und Artikeln.