Mit der Selbstgerechtigkeit, wie sie bei hoch begabten Intellektuellen nicht selten anzutreffen ist, setzt sich Michael Naumann mit den angeblich von der "konservativen Presse" als Schuldige an der "deutschen Misere" ausgemachten 68ern auseinander. Er versteigt sich dabei, die Welt als einen Veranstalter von "Schauprozessen" auszumachen. Sieht man einmal davon ab, dass dieser Begriff seit Freislers Volksgerichtshof und Stalins Moskauer Prozessen gegen seine politischen Gegner bereits historisch auf verhängnisvolle Weise besetzt ist, scheint Michael Naumann in seiner Replik auch vergessen zu haben, dass es gerade diese 68er waren, die bei ihren Demonstrationen vor dem Axel Springer Verlag in der Berliner Kochstraße lautstark "Enteignet Springer!" skandiert haben. Gewiss kein harmloser Vorgang.

Angesichts dieser Verdrängung ist es dann auch nicht überraschend, dass Michael Naumann bei den ZEIT-Lesern den Eindruck zu erwecken versucht, in der Welt gebe es ein "Alterskohorten"-Syndrom.

Erstaunlich, dass selbst ein Mann vom Range Michael Naumanns ohne den Sprachschatz des "Dritten Reiches" nicht auskommt, wenn er Andersdenkende zurechtweisen will.

Prof. Dieter Stolte, Berlin Herausgeber der "Welt" und der "Berliner Morgenpost"