Das Tor zum Orient liegt im vornehmen 16. Pariser Arrondissement unweit des Triumphbogens, verborgen hinter einer Glastür. Ein Druck auf den Klingelknopf, die Tür öffnet sich und bietet Zugang zu einem Markt, der 270 Millionen Menschen und ein Sozialprodukt von einer Billion Dollar umfasst. Das schmucklose Bürohaus ist der Sitz der Chambre de Commerce Franco-Arabe, der Handelskammer der 22 Länder zählenden Arabischen Liga, die mit Frankreich die intensivsten Wirtschaftsbeziehungen in Europa unterhält.

Besucher aus der Bundesrepublik werden in diesem Haus gern in akzentfreiem Deutsch empfangen. Das ist allerdings keine aktuelle Dankesgeste für die Zurückhaltung Berlins in der Irak-Krise, sondern liegt daran, dass das Führungspersonal der Kammer teilweise aus höchsten französischen Staatsämtern stammt. Präsident Serge Boidevaix, von 1986 bis 1992 französischer Botschafter in Bonn, signalisiert mit seiner vornehmen Erscheinung am deutlichsten, dass in Paris die Beziehungen zur Arabischen Liga weit oberhalb der obskuren deutschen Möllemann-Welt angesiedelt sind.

In Herrn Boidevaix’ Arbeitszimmer füllen Pokale und Schmuckkästchen die Regalwand. Arabische Gastgeschenke – auch aus dem Irak, für den der Kammerpräsident bis vor kurzem eine weitere Organisation führte, den "Franco-irakischen Verein für wirtschaftliche Zusammenarbeit". "Nach dem totalen Zusammenbruch des Irak-Handels 1991 im Gefolge der Kuwait-Invasion und des UN-Embargos haben sich die französischen Ausfuhren 2001 wieder auf 660 Millionen Euro gesteigert", berichtet Boidevaix (siehe Grafik). Damit sei Frankreich zwar in Europa die Nummer eins beim Geschäft mit dem Irak, doch, weltweit gesehen, wegen des Vordringens der arabischen Nachbarn und vor allem Russlands auf den irakischen Markt vom ersten auf den achten Platz abgerutscht – was Frankreichs Industrie nicht länger hinnehmen will. Die Frage, ob der Irak nicht ein anstößiger Handelspartner sei, wehrt der Präsident ab: "Wir bewegen uns im Rahmen der UN-Resolutionen, und der Irak ist heute kein bedrohlicherer Staat als viele andere Regime in der Region."

Gerade in der gegenwärtigen Kriegsdebatte spielt die langjährige special relationship zwischen Paris und Bagdad eine große Rolle. Wer derzeit etwas über den Mittleren Osten erfahren will, muss nach Paris fahren. Hier mischen sich essenzielle Wirtschaftsinteressen – vor allem der französischen Mineralölindustrie – mit den strategischen Absichten einer ehemaligen Großmacht und dem üblichen Schuss Antiamerikanismus in der französischen Außenpolitik. So basiert die französische Diplomatie, die in der Irak-Frage die USA und die Vereinten Nationen bislang mäßigen konnte, auch auf einem besonders mächtigen Motiv: auf legitimem Eigennutz.

Auf den irakischen Ölfeldern, die bereits 1920 zwischen Großbritannien und Frankreich aufgeteilt worden waren, tummeln sich heute zwar längst auch Russen und Chinesen. Aber die 1974 verstaatlichte irakische Erdölindustrie hat mit einer schwer kalkulierbaren Schaukelpolitik mal die Briten, mal die Russen vor die Tür gesetzt. Davon blieb die Anwartschaft des französischen Ölkonzerns TotalFinaElf auf die beiden gigantischen Ölfelder Majnoon und Bin Umr im Westen des Irak unberührt – auch wenn die Pariser Regierung derzeit Millioneninvestitionen des Konzerns in den Wiederaufbau der maroden Förderanlagen aus politischen Gründen blockiert.

Zwar schätzt der Arabienspezialist Olivier Appert von der International Energy Agency bei der OECD in Paris den französischen Anteil am Irak-Öl derzeit nur gering ein: "Bis zum Jahr 2000 stammten zehn Prozent des nach Frankreich importierten Öls aus dem Irak, heute sind es nur noch fünf Prozent." Doch nach einem Ende der Handelsbeschränkungen und dem Wiederaufbau der Anlagen würde die Förderung steigen. Experten rechnen mit einer Verzehnfachung der heutigen irakischen Tagesproduktion auf künftig mehr als sechs Millionen Barrel – was knapp einem Zehntel des Weltbedarfs entspräche.

Es könnte im Irak demnächst also viel Geld zu holen sein, und wer dabei zu spät kommt, den bestraft das Wirtschaftsleben. Frankreich hat den Vorteil, dass Staatspräsident de Gaulle schon früh mit der französisch-irakischen Annäherung begann und in Israel-kritischer Absicht seine Arabienkontakte ausbaute. Danach stieg der Irak zu Frankreichs Wunschpartner im Mittleren Osten auf. Er galt als das fortschrittlichste arabische Land und als laizistisches Bollwerk gegen den islamischen Fundamentalismus. Umgekehrt schätzten die Iraker die Franzosen, weil sie ihnen als einzige Europäer in großem Umfang Rüstungsgüter lieferten.

1974 besuchte der damalige Premierminister Jacques Chirac erstmals Bagdad und lud ein Jahr später seinen "persönlichen Freund" Saddam nach Frankreich ein, wo der Diktator den Bau des irakischen Atomreaktors Osirak bei Bagdad in Auftrag gab. Der Reaktor wurde zwar 1981 von Israel zerstört. Aber die seitdem gelieferten 130 Mirage-Flugzeuge sowie Panzer, Raketen und Radaranlagen im Gesamtwert von 25 Milliarden Euro dürften teilweise heute noch im Irak ihren Dienst tun. Wenige Wochen vor dem Einmarsch in Kuwait 1991 stundete Präsident Mitterand den Irakern dann auch noch ihre Schulden – mit dem Ergebnis, dass davon bis heute noch etwa vier Milliarden Euro ausstehen.