Elternabende sind heimliche Machtspiele: In ihrem Zentrum stehen die Lehrerin, der Lehrer, denen die mannigfaltigen Erziehungs- und Aufstiegsideale der Eltern nahe gebracht werden sollen. Meist kennen diese weder die Zwänge der Lehrpläne noch die wahren Fähigkeiten ihrer Kinder.

Natürlich sind die Kleinen die Klügsten. Gewalttätig waren sie noch nie. Von Alkoholika haben sie nie gehört, und wie man eine Zigarette anzündet, ist ihnen unbekannt. Elternabende sind Feste positiver Vorurteile, die Eltern über ihre Kinder naturgemäß hegen, aber auch negativer Ressentiments, die noch im liebenswürdigsten Lächeln durchscheinen, das der Vater der Biologie-Pädagogin schenkt. "Mein Sohn vermag endlich eine Buche von Löwenzahn zu unterscheiden", sagt er und macht dabei ein sehr dankbares Gesicht; gleichzeitig denkt er: "Genauso habe ich Sie mir vorgestellt, Frau Studienrätin Kleinbär. Raschelndes Herbstlaub."

Väter haben auf Elternabenden eigentlich nichts verloren. Sie treten zu herrisch auf, bisweilen cholerisch, konkurrieren mit anderen Vätern und führen ihre Allwissenheit mit großem Ungeschick vor. Dieser Vater zum Beispiel erkannte in einem steindummen, hektografierten Text, den ein Deutschlehrer am renommierten Hamburger Johanneum-Gymnasium seinen 16-jährigen Schülern vorgelegt hatte, das Eigenprodukt eines Pädagogen, dem der Versuch misslungen war, Bennsche Prosa mit der sozialen Sensibilität Günter Wallraffs zu versöhnen – anlässlich seines ganz persönlichen Spaziergangs durch Wattenscheid.

Das Ruhrgebiet konnte schrecklicher nicht sein als diese literarische Zumutung. Der Studienrat ging einer Debatte aus dem Weg, indem er trotz der Vorhaltungen zufrieden in sich hineinlächelte. Zweifellos dachte er an die zukünftige Benotung des Sohnes, dessen Vater allerdings nie wieder zu Elternabenden zugelassen wurde, weil sich die Mutter schützend vor die Abiturchancen ihres Kindes stellte. Kurzum – Elternabende gehören neben allem anderen auch zur großen deutschen Schule der Anpasserei und Liebedienerei, des allzu stillen Protests und des Leidens. Sie gleichen der zentrifugalen Maschine, genannt "Gesellschaft", durch die man eben einfach hindurchmuss. Andere behaupten, so sei eben die Demokratie.