Wollte man zwei Politiker erfinden, die so gar nicht zu Guido Westerwelles Spaß-Liberalismus passen – sie sähen ungefähr aus wie Ruth Wagner und Walter Hirche, die liberalen Spitzenkandidaten aus Hessen und aus Niedersachsen. Die hessische Wissenschaftsministerin ist 62 Jahre alt, der niedersächsische Landesvorsitzende Hirche 61. Er hat sich fest vorgenommen: "Ich will mich nicht zur Ruhe setzen, bevor die FDP nicht wieder im Landtag ist."

Rechnerisch könnten die beiden Westerwelles Eltern sein. Auch inhaltlich haben sie mit der neuen und inzwischen schon wieder alten Wahlkampf-FDP nicht viel im Sinn. Spaßpartei? Strategie 18? Unabhängigkeit? Was "unabhängig" bedeutet, definieren die Liberalen gerade neu. Urspünglich verstand man darunter einmal den Verzicht auf Koalitionsaussagen. Inzwischen heißt es nur, es gebe keinen Automatismus. Bei jeder Wahl müsse neu entschieden werden. Gleichzeitig wird betont, man könne durchaus Koalitionsaussagen machen und dabei unabhängig bleiben. Mag sein. Nur: Unabhängig sind nach dieser Definition dann eigentlich alle, immer.

Ruth Wagner und Walter Hirche haben am 2. März aus verschiedenen Gründen gute Erfolgsaussichten: weil sie sich klar zu Koalitionen mit der Union bekennen. Und weil bürgerliche Regierungen aller Voraussicht nach nur zustande kommen, wenn die Liberalen in die Landtage einziehen. Eine absolute Mehrheit für Roland Kochs CDU in Hessen ist zwar nicht ausgeschlossen, wahrscheinlich ist sie aber nicht. Koch setzt darauf auch nicht: Bei seinen Wahlkampfauftritten preist der Ministerpräsident die Stabilität des schwarz-gelben Bündnisses. Viel mehr sei gar nicht nötig, heißt es bei der FDP. Schließlich würden sich viele Wähler daran erinnern, dass die FDP 1999 nur 5,1 Prozent erreicht habe und deshalb auch diesmal jede Unterstützung brauche.

Auch für Hirche, der selbst einmal Minister in einer Ampelkoalition in Brandenburg war, gibt es diesmal keine Alternative zur Union. Nachdem Ministerpräsident Gabriel sich für die Wiedereinführung der Vermögensteuer ausgesprochen hat, ist Rot-Gelb in Niedersachsen kein Thema mehr. So führt die FDP Wahlkampf wie eh und je: Mit bürgerlichem Habitus – und Bangen um ein Ergebnis jenseits der fünf Prozent. Falls diese Strategie erfolgreich ist, wird in der Bundes-FDP der Kreis um Fraktionschef Wolfgang Gerhard triumphieren, der alles möglichst schnell vergessen machen möchte, was an die Spaßigkeiten der Vergangenheit erinnert. Für Parteichef Westerwelle gibt es dagegen kaum ein ideales Wahlergebnis. Ein Erfolg, für den er momentan dennoch fleißig Wahlkampf macht, würde seine Position nicht stärken – eine Niederlage erst recht nicht. Fiele die FDP aus den Landtagen, ginge vermutlich die ganze Debatte um Jürgen Möllemann noch einmal von vorn los.

Eine "Partei für das ganze Volk" will die Bundes-FDP trotz allem bleiben. Damit das deutlich wird, hat sie sich Arbeitslose als neue Zielgruppe ausgeguckt. "Die FDP verschafft denen Gehör, auf die niemand hört", heißt es in einer Erklärung des Präsidiums. In Sachsen-Anhalt, wo die Liberalen im vergangenen Frühjahr 13,3 Prozent der Stimmen bekamen, seien ja auch fast zehn Prozent der FDP-Wähler ohne Job gewesen.

Ein halbes Jahr kostenlose Mitgliedschaft in der Partei soll neugierige Menschen ohne Job anlocken. Falls es für die fünf Prozent in Hessen und Niedersachsen nicht reicht, könnten auch Hirche und Wagner von dem Bonus profitieren.