Was haben wir gelacht, als die Töchter Mohammeds plötzlich auf ihren kreischbunten, fliegenden Designersofas über die Bühne flitzten, an Seilen rasant hin und her bewegt von Bühnenarbeitern, die sich als türkische Fußballfans verkleidet hatten. Als die Eunuchen dann in Reih und Glied ihre Windelhöschen präsentierten und sich stumm das Kastrationsblut im Schritt verschmierten. Als Osmin, mit Saddam-Schnäuzer und nacktem Oberkörper, die Pupillen rollte, dass man nur noch das Weiße in den Augen sah, und mit Maroc-Orangen um sich warf. Nur: Das alles war eigentlich gar nicht so gemeint. Eine witzige Türken-Trash-Parodie wollten der Regisseur Martin Duncan und sein Ausstatter Ultz aus Mozarts Entführung aus dem Serail nicht machen - zumindest nicht nur. Auch mit dem gebotenen multikulturellen Respekt sollte das Stück an der Bayerischen Staatsoper über die Bühne gehen (gerade jetzt, wo in der bayerischen Regierungspartei laut darüber nachgedacht wird, ob man nicht doch besser eine Volksabstimmung über den EU-Beitritt der Türkei anberaumen soll). Politisch hoch korrekt durfte deshalb eine verschleierte, sanftmütige Erzählerin (Fatma Genç) durch die Handlung führen, die es bei Mozart gar nicht gibt. Feine muselmanische Haremssitten erläuterte sie, schwärmte von den leckeren Rosensorbets, die im Serail kredenzt werden und der duftenden Jasminpaste auf der Haut der Damen, um irgendwie einen Kontrast zu schaffen zu Osmins grob polternder Kopf-ab-Weltsicht. Viel Mühe hat sie sich gegeben, die Märchenerzähler-Atmosphäre aus Tausendundeiner Nacht zu beschwören, was den Regisseur trotzdem nicht davon abgehalten hat, ein paar Gags von der gröberen britischen Sorte zwischen die Szenen zu schmuggeln und seinen Münchner Opern-Islam kurios zwischen Tschador-Strenge, schwüler Suleika-Poesie und bekleckerten Windelhöschen schillern zu lassen.

Als ob die exotische Staffage das Eigentliche an der Entführung wäre, als ob es bei Mozart nicht um etwas ganz anderes ginge - um die Empfindsamkeit der Menschen, ihre erotischen Sehnsüchte, ihre Liebe. Davon erfährt man an der Bayerischen Staatsoper nicht viel. Alle Dialoge sind zugunsten der fragwürdigen Erzählperspektive gestrichen, sodass der Zauber des Singspiels, der sich nicht zuletzt am magischen Übergang vom gesprochenen Wort zum Gesang entzündet, gar nicht erst zu wirken beginnt. Wie auf einer Arien-CD mit Zwischentexten sind die Gesangsnummern ohne dramaturgischen Spannungsbogen aneinander gereiht. Mozarts Helden treten kaum in Beziehung zueinander, nehmen drei Akte lang immer nur in wechselnden Konstellationen auf den fliegenden Sofas Platz und sind nur schemenhaft als Charaktere zu erkennen.

Was freilich auch mit der enttäuschenden Münchner Besetzung zusammenhängt: Während Roberto Saccá als Belmonte sehr wohl kantablen Glanz verströmte, blieb die französische Sopranistin Sandrine Piau als Konstanze mit ihrer viel zu schmal geführten Stimme hinter den Erwartungen zurück. Immer eine Spur zu kühl gab Deborah York das Blondchen, und Paata Burchuladse sang den Osmin, als hätte er eine heiße Kartoffel im Mund. Kaum zu verstehen, ob er seine Partie nun in Deutsch, Russisch oder Fantasie-Türkisch wiedergab. Auch das Draufgängertum des jungen Daniel Harding am Dirigentenpult, der die Sänger und das Orchester mit rasenden Tempi und Janitscharenschmiss manchmal regelrecht durch die Partitur jagte, konnte die mäßige Produktion nicht retten. München hat eine Mozart-Enttäuschung mehr im Repertoire.