Über Dokumente wie dieses sprechen Diplomaten am liebsten gar nicht: Amerika hat seinen Wunschkatalog für Beiträge der Nato im Falle eines Irak-Krieges vorgelegt. Darunter: Einsätze von Awacs-Überwachungsflugzeugen; Schutz der Seewege im Mittelmeer; Luftabwehrraketen für die Türkei; Schutz für US-Stützpunkte in Europa; Ersatz für US-Einheiten, die aus anderen Nato-Einsätzen abgezogen werden müssen, und Truppen, die nach einem Krieg das Land zusammenhalten sollen. Nato is back in business, endlich Arbeit für die Nato, jubiliert Generalsekretär George Robertson. In Wahrheit bringt die Liste das Bündnis und seine Mitglieder in Bedrängnis. Ganz besonders die Regierung in Berlin.

– Schutz für US-Stützpunkte: Im Prinzip kein Problem, in der Praxis schon; zumal in Zeiten, da alle Armeen Europas überlastet sind. Berichte, wonach allein in Deutschland 7000 Mann für 95 Einrichtungen gebraucht würden, dementiert das Verteidigungsministerium. Es bestätigt aber, dass bei der "derzeitigen" Gefährdungslage allein schon 2600 Soldaten abgestellt werden (knapp 10000 dienen in Auslandseinsätzen).

– Ersatz für US-Einheiten: Washington will längst seine Truppen aus den Balkan-Missionen der Nato herauslösen. Europa wiederum hat gelobt, spätestens in diesem Jahr eine 60000 Mann starke Friedenstruppe aufzustellen. Der erste Testlauf in der Wirklichkeit dürfte früher anstehen, als es den Brüsseler Planern lieb ist.

– Schutz gefährdeter Seewege: Seit Ende 2001 sichert ein Nato-Verband das östliche Mittelmeer gegen Terroristen; auch jetzt ist eine deutsche Fregatte dabei. Überlegt wird, den Verband an Meerengen wie der Straße von Gibraltar und der Zufahrt des Suezkanals zu postieren. Das Antiterrormandat von UN und Nato (und das des Bundestages) würde das noch decken. Nur: In Meerengen ist die Rechtslage komplizierter als auf hoher See. Die Gefahrenlage auch. Umso mehr, als der größte Teil der US-Kriegshardware durch just diese beiden Flaschenhälse schwimmen muss.

– Patriot-Raketen für die Türkei: Genauer gesagt, deutsche Patriots; dass dieser Vorschlag zuvörderst geeignet ist, die Spannungen zwischen Washington und Ankara zu beheben, wird in hiesigen Regierungskreisen nicht freundlich vermerkt. Gewiss, die Türkei ist Nato-Mitglied. Wird sie angegriffen, ist das Bündnis zur Hilfe verpflichtet (auch wenn der Notfall von einem anderen Nato-Mitglied provoziert wurde). Hier ginge das nicht ohne Bundestagsbeschluss.

– Überwachungsflüge: Die Awacs-Flieger absolvieren schon jetzt, mit deutschen Soldaten an Bord, routinemäßig Flüge über dem türkischen Territorium, bei denen ihr Radar 200 bis 300 Kilometer weit ins Nachbarland Irak "schauen" kann. Bei einem Angriff gegen die Türkei würden die Awacs als Radar und als Feuerleitstelle dienen. Spätestens dann wäre ein Bundestagsbeschluss fällig. Oder sollen die Deutschen jedes Mal mit dem Fallschirm abspringen, wenn sie irakische Raketen beobachten, die sich auf US-Flugzeuge zubewegen? Wohl kaum. Spätestens hier erweist sich die Berliner Maxime "Bündnisverteidigung ja, Kriegsbeteiligung nein" als Wunschdenken.

– Friedenstruppen für den Irak: Dieser Punkt wird in Brüssel wie Berlin eisern beschwiegen. Die Erfahrung (auf dem Balkan und in Afghanistan) lehrt, dass die USA für den "chirurgischen Bombenkrieg" und die Europäer für die meist weit gefährlicheren Bodeneinsätze zuständig sind.

PS: Die US-Regierung, so berichtet die Washington Post, habe angefragt, ob die Bundeswehr-Füchse in Kuwait nicht mit in den Irak ziehen könnten. Im Ministerium heißt es dazu: "Nein. Nein. Nein. Neineineinein." (Will sagen: Falls es eine Frage gegeben haben sollte, wäre sie überhört worden – es wäre ja unhöflich, nein zu sagen.) Indes hat schon der Minister konzediert, dass die Füchse auch vor Ort bei Angriffen auf amerikanische oder kuwaitische Einrichtungen helfen müssten. Mag also die Bundeswehr nicht in den Krieg ziehen wollen – es ist durchaus wahrscheinlich, dass der Krieg zur Bundeswehr kommt.