Letztes Jahr musste ich oft die Gelegenheit wahrnehmen, schwer kranke Menschen im Spital zu besuchen. Den tödlichen Schrecken, der einen angesichts endgültiger Krankheit auch dann packt, wenn es nicht die eigene ist, kompensierte ich mit einer Idee, mit einem Schreibwunsch: In Canettis Masse und Macht ist von "Doppelmassen" die Rede: Männern und Frauen, Lebenden und Toten, Freunden und Feinden. Doppelmassen sind solche, die einander am Leben erhalten: Wer von den Toten spricht, hat die Lebenden im Kopf die Begriffe spekulieren per se mit einer massenhaften Existenz des jeweils Anderen.

Als ich hinaus in die Vorstadt fuhr, dorthin, wo die großen Geisterstädte der Kranken liegen, fiel mir eine von Canetti nicht beachtete Doppelmasse ein: die Gesunden und die Kranken. Die Definition, die Gesundheit sei genau das, was man nicht merke, weil nur ihre Abwesenheit, nämlich die Krankheit, den Sinn fürs Gesundsein eröffne, ist naiv-philosophisch. Schon das geringste soziologische Interesse führt zu der Idee, dass die Gesellschaft nicht zuletzt nach dem Prinzip der Trennung von Gesunden und Kranken organisiert ist. Das unfasslich hilflose, sich durchsetzungskräftig gerierende Wort "Gesundheitssystem" könnte man auch so lesen: Im Gesundheitssystem sind die Kranken von den Gesunden durch psychische und institutionelle Barrieren getrennt und zugleich aufeinander bezogen.

"Es war ganz schön schwierig, sich hier in diesem Gebäude zurechtzufinden, wo man sich verirren kann oder ziemlich gräulichen Dingen begegnet." So spricht in einem der besten Bücher Georges Simenons, der im Februar 100 Jahre geworden wäre, eine Besucherin zu einem Schwerkranken. Der Roman Die Glocken von Bicêtre erzählt vom Krankenhausaufenthalt eines Menschen, der im Leben stand: René Maugras, 54, erfolgreicher Pariser Zeitungsverleger, wird nach einem Schlaganfall in das Krankenhaus Bicêtre eingeliefert. Halbseitig gelähmt, des Sprechens nicht mehr mächtig, von der Außenwelt abgeschnitten ...

Der Makrokosmos des Buches ist - nach meiner Lesart - nach den Doppelmassen, über die ich gern schreiben würde, konstruiert: drinnen die Kranken, draußen die Gesunden. Die Kranken können nicht raus, die Gesunden kommen herein: "zu Besuch". Die Gesunden tun alles, um sich den fundamentalen Unterschied nicht anmerken zu lassen, der ihnen - gegenüber den Darniederliegenden - ihren hervorragenden Status einräumt. Aber die Gesunden können wenig tun, sodass am Krankenbett bald der "fatale tote Punkt" erreicht ist, von dem an es nichts mehr zu sagen gibt. Dem Kranken kommt man mit Befremden entgegen, vertraut war man mit einem Gesunden.

Aber durch die Krankheit ist man auch für sich selbst ein ganz anderer geworden: Eines Tages geht man zum Arzt, man hat Halsweh oder ein Stechen in der Brust. Schließlich fällt der Arzt "mit betretener Miene" den Urteilsspruch: "Man ist ein Kranker geworden, der das Leben niemals wieder im selben Licht sehen wird." Die Furcht davor steht den Gesunden oft genug ins Gesicht geschrieben.

Zartfühlend beschreibt Simenon den Mikrokosmos des Spitals, den inneren Kreis der Hölle. Es ist ein der Liebe verwandtes Gefühl, das der Kranke für die Schwestern aufbringt, die seinen Schlaf bewachen und die ihm auch am Tag beim Überleben helfen. Skeptisch ist der Kranke den Ärzten gegenüber: Sie sind Männer der Pariser Gesellschaft, und genau betrachtet, also aus der Sicht der Eigenwelt des in seinem Bett Verkrochenen, haben sie etwas Lächerliches. Sie tun so, als könnten sie souverän der Krankheit etwas anschaffen. Im Roman aus dem Jahr 1963 fällt ein zutreffender, wenn auch heute billig klingender Satz: "Für bestimmte Mediziner wäre der Traum wohl die Krankheit ohne Kranken."

Maugras ist Privatpatient, und vom Inneren seines Zimmers aus gesehen gibt es im Spital erst recht ein Draußen: den großen Saal, in dem die vielen liegen!