Der Krieg als Familienzusammenführung: Jetzt sind sie alle dagegen, Linke wie Rechte, Grass wie Gauweiler, Stolpe wie Walser. Wir kennen keine Lager mehr, sondern nur noch Deutsche auf ihrem eigenen Weg. Das ist, fast 60 Jahre nach dem größten aller Brüche, eine megahistorische Wende. Man muss nicht mehr links sein, um gegen Krieg und Amerika zu sein, man kann wie der nationalkonservative Kommentator Gauland in der Welt schreiben: "Wir misstrauen dem Urteilsvermögen einer jungen Nation [gemeint ist Amerika, mit der ältesten Verfassung der Welt] gegenüber Kultur und Geschichte des Islam.

Wir wissen, dass die gleichmacherischmultikulturelle Politik zu Europa nicht passt", und müssen "die eigene Identität bewusst gegen die amerikanische stellen".

Freilich ist die Familienzusammenführung nicht das einzige Paradox in dieser Zeit, hat doch die Linke auch ihre Sprache gewechselt. Noch im Kosovo-Krieg (1999) argumentierte sie sowohl pro Moral ("Nie wieder Auschwitz!") als auch contra Realpolitik, den klassischen Gestus der Konservativen. Weg mit dem harten Kern der Souveränität, her mit dem Interventionsrecht gegen Milosevic, der im Vergleich zu Saddam nur wie ein Schmierenschurke wirkt. Im Anblick des totalitären Massenmörders und zweifachen Angriffskriegers Saddam aber ist der moralische Gestus zur gelähmten Zunge verkümmert

stattdessen predigt die Linke Realpolitik: Der Krieg sei die Sache nicht wert, das Risiko zu hoch, "Regimewechsel" das falsche Mittel.

Entweder regiert eine Abart der Realpolitik namens Appeasement ("die Araber nicht provozieren") oder die Gleichgewichtspolitik à la Bismarck und Disraeli ("den Machtausübungsanspruch Amerikas bremsen"). Reform? Demokratie?

Befreiung? Diese liberalen Topoi sind zurzeit tot. Allenfalls als Restgröße, dann aber im schiefsten aller Vergleiche, verbleibt die Moral im Diskurs, nämlich als Verdammung des "Angriffskrieges". Will sagen: UN-mandatierte Gewalt ist gleichzusetzen mit dem deutschen Angriff auf Polen 1939 oder dem irakischen auf den Iran 1980.

Wenn aber die Linke ihren emanzipatorischen Anspruch ganz tief unter Angst und Ressentiment versteckt, wer redet dann noch über deren traditionelle Ideale? Hier öffnet sich das dritte Paradox. Über Regime- und Kulturwechsel in einer autoritär verhärteten arabischen Welt reden nur noch die Bushisten.