Andreas Maier sieht zwei Aspekte des Gebrauchs des Konjunktivs I (sei, habe) oder II (wäre, hätte) bei der Redewiedergabe (also der so genannten indirekten Rede) völlig korrekt. Entscheidend aber, warum viele Deutsche lieber hätte als habe, wäre statt sei oder bräuchte (was es überhaupt nicht gibt) statt brauche bei der Redewiedergabe verwenden, sind drei Gründe, vor allem der dritte:

1) Einige Sprachteilnehmer halten sei, habe oder brauche für antiquiert und allenfalls noch in der schönen Literatur verwendbar. Diese Annahme ist falsch.

2) Ein größerer Teil von Sprechern kennt die Formen des Konjunktivs schlicht nicht oder nicht mehr, allenfalls die umlautenden Formen hätte und wäre, kaum aber die wenig verwendeten flöge, schwämme oder stürbe. Deshalb verwenden sie bei den Hilfsverben den Konjunktiv II oder - bei Vollverben - die würde + Infinitivform (ich würde kommen). Diese Würde-Form ist in der gesprochenen Sprache akzeptabel.

3) Der bewusste Sprecher aber unterscheidet Konjunktiv I und Konjunktiv II bei der Redewiedergabe, um die Aussage zu differenzieren. Er verwendet sei, habe oder komme, wenn er lediglich referiert, also die Aussage eines Dritten wiedergibt, hingegen wäre, hätte oder könne, wenn er die Aussage obendrein kommentiert, genauer: ihren Wahrheitswert bestreitet.

Entsprechend äußert sich der Regierungssprecher in Berlin korrekt, wenn er vor der Bundespressekonferenz erklärt, der Kanzler habe mit George W. Bush telefoniert, um die Spannungen zwischen Berlin und Washington abzubauen. Wäre seine Mitteilung hingegen gewesen, der Kanzler hätte mit dem amerikanischen Präsidenten gesprochen, so hätten ihn die sprachbewussten Journalisten - und die soll es ja geben - so verstanden, als wäre er der Meinung, der Kanzler sei mit der Wahrheit nicht korrekt umgegangen, habe also mit Bush überhaupt nicht telefoniert.

Prof. Lutz Götze, Herrsching