Bobby, ein Rottweiler mit melancholischen Augen, ist für die Sicherheit unseres Hauses verantwortlich. Stolz, in der gefährlichsten Stadt der Welt seinen Dienst zu tun, passt er nachts auf, dass niemand über die Mauer gelangt. Da er eine erstklassige südafrikanische Wachhundausbildung genossen hat, weiß er genau, wo er sich im Garten positionieren muss, um die Welt draußen überblicken und Gefahren im Vorfeld abschätzen zu können. Tagsüber liegt er dann völlig erschlagen in seinem Körbchen in der Sonne, meist auf dem Rücken, mit idiotisch erhobenen Pfoten. Immer wenn einer der Hausbewohner an ihm vorbeispaziert, öffnet er kurz die Augen und hechelt ein bisschen - freut sich, dass man noch lebt.

An die Straßenlaterne gegenüber des Hauseingangs ist die aktuelle Titelzeile des Star, der größten Tageszeitung des Landes, angeschlagen: Bush Axes Another SA Visit. Der amerikanische Präsident hat schon wieder einen Johannesburg-Besuch abgesagt, den zweiten innerhalb von vier Monaten.

Aufgrund von möglichen Terroranschlägen sei dort die Sicherheit des Präsidenten nicht gewährleistet. Das klingt konstruiert. Zum einen boomt Südafrikas Tourismusindustrie, da dies einer der letzten Orte der Welt ist, wo nicht mit Anschlägen gerechnet wird, zum anderen hat die Stadt des Goldes durch die Ausrichtung des Weltgipfels im September 2002 (wo Bush ebenfalls fehlte) bewiesen, dass zumindest Politiker hier gut aufgehoben sind.

Wer allerdings in Gefahr ist, das ist der ganz normale Bürger. In Joburg herrscht nicht Krieg, sondern das Verbrechen, und Gangster machen sich nicht an Politiker ran, sondern an das wehrlosere Individuum. Der Widerstand ist hier vollkommen entpolitisiert, ideologiefrei und schlichtweg pragmatisch orientiert. Die Gangster müssen nur an unserem melancholischen Rottweiler vorbei.

Nachts liegt Bobby auf seinem Posten und sorgt dafür, dass uns niemand zu nahe kommt. Am Morgen dann steigt meine Begleiterin ins Auto, einen uralten, metallic-blauen Mazda 323, gemietet von der Firma Rent-a-Wreck, die damit wirbt, dass ihre Wagen nur selten gehijackt würden, denn wer wolle schon so eine alte Mühle. Meine Begleiterin zündet. Auf der Beifahrerseite laufen drei Girls vorbei und lachen sich halb tot. Sie steigt aus, läuft um das Fahrzeug herum und entdeckt, dass Vorder- und Hinterrad fehlen. Mit Ziegelsteinen haben die Diebe die Karosserie abgestützt. Das fiel wohl nicht in Bobbys Einsatzgebiet, da der Wagen auf der Straße stand, nicht innerhalb der Mauer.

Aus gut unterrichteten Kreisen habe ich gehört, dass einige große Zeitungen erwägen, ihre Korrespondentenposten im südlichen Afrika zu streichen. Ich halte das, aus dem Bauch heraus, für einen Fehler. Ich denke vielmehr, die Berichterstattung sollte intensiviert werden. Man bekommt hier originelle Einblicke in die globale Zukunft. Auch wenn ich natürlich verstehe, dass Bush die ohnehin schon kennt.

Vom Autor erschien zuletzt der Roman Stadt des Goldes im Rowohlt Verlag.