Imre Kinszki muss eine imponierende Erscheinung gewesen sein: schlank, hoch gewachsen, ein durchdringender Blick sticht aus den schmalen Gesichtszügen und sein dichter schwarzer Haarschopf, kaum zu bändigen. Eine Aufnahme aus dem Jahr 1926 zeigt den Sekretär des Verbandes der ungarischen Textilindustrie bei seiner Hochzeit in Budapest. Wie ein Filmstar sitzt er da, im Frack in einer offenen Limousine neben seiner blumengeschmückten Braut Ilona, die weißen Handschuhhände liegen lässig auf den verschränkten Beinen, und er blickt selbstbewusst und voll souveränem Stolz in die Kamera, so als sei er es gewohnt, von Paparazzi umschwirrt zu werden.

Die heimliche Leidenschaft des jungen Beau, der fünf Sprachen beherrschte, galt der Fotografie. Er erfand Spezialkameras, schrieb Fachartikel und beteiligte sich an Wettbewerben. Eine der letzten Aufnahmen, die Imre Kinszki noch auf Film bannen konnte, bevor er so wie Millionen europäischer Juden vom Holocaust verschlungen wurde, zeigt das majestätische Gebäude des Hauptbahnhofes der ungarischen Metropole. Seine Geleise führten in den Tod.

Kisten voll vergilbender Fotografien - Zeugen einer ausgelöschten Kultur

Nach der Befreiung Budapests pilgerte Frau Ilona Kinszki täglich zu diesem Ort ohne Wiederkehr, durchstreifte die Kassenhalle und forschte bei Reisenden nach dem Schicksal ihrer Familie. So brachte sie eines Tages in Erfahrung, dass ihr Bruder in Buchenwald ermordet und ihr Mann auf einem der Todesmärsche durch Österreich zusammengebrochen und im Straßengraben massakriert worden war. Der Witwe blieben nur die Erinnerungen an die ersten unbeschwerten Jahre ihrer Ehe und eine Kiste voller Fotografien, die langsam vergilbten - Zeugnisse einer Kultur, die ausgelöscht und mehr und mehr in Vergessenheit geraten war.

Über ein halbes Jahrhundert später kramte Ilona Kinszkis Tochter Judit den Erinnerungsschatz der Familie noch einmal hervor und begab sich damit in ein kleines Büro in Budapest, das ein amerikanischer Journalist und Fotograf soeben eröffnet hatte. Dort wurden ihre Bilder digitalisiert und in einem Computer gespeichert, eine junge Historikerin interviewte sie ausführlich, und Judit Kinszki erklärte jedes Foto, erzählte die Geschichten ihrer Eltern, Onkel, Tanten, Großväter und aller anderen Mitglieder der weit verzweigten Familie, die aus der Vergangenheit heraufblickten. Heute füllen diese Geschichten gemeinsam mit jenen von rund hundert weiteren jüdischen Familien aus dem mitteleuropäischen Raum ein Internet-Archiv, das der Historiker Tom Segev in der israelischen Tageszeitung Ha'aretz bereits als das größte jüdische Museum der Welt bezeichnet hat.

Zusammengestellt wurde diese Sammlung von dem in Wien ansässigen Centropa-Institut. Dessen Internet-Portal (www.centropa.org) stößt das Tor auf zu einer versunkenen Welt, die bestenfalls in musealen Beständen spärliche Spuren hinterlassen hat. Und mit seinen tausendundein Berichten über Schabbesfeiern und Urlaubsreisen, Liebesgeschichten und Heiratssachen, über all die kleinen und großen Tragödien und Komödien des Alltags erweckt es sie zu virtuellem Leben. Es entreißt die Gesichter der Anonymität der Archive und verweigert dadurch auch dem Massenmord jene Endgültigkeit, die er einst beansprucht hatte. Es ist, als würde man neben einer netten, alten Dame auf dem Sofa sitzen, mit ihr im Familienalbum blättern und bei jedem Bild ihren Erinnerungen lauschen, meint Edward Serotta, der Initiator und Leiter des Centropa-Projekts, das, wenn alle technischen und personellen Kapazitäten ausgeschöpft sind, 1500 Familiengeschichten und über 85 000 Fotografien umfassen soll.

Der 56-jährige Jäger der verstreuten Erinnerungen ist ein gehetzter Mann. Ihm steht nur noch eine knappe Frist zur Verfügung, Quellen aufzustöbern, Zeitzeugen auszufragen, den endlosen Katalog von Leben und Leiden zu ordnen, die weißen Flecken auf den Landkarten des Vergessens auszufüllen und der Nachwelt ein Album mit den exakten Vermessungsergebnissen seiner Vergangenheitsexpeditionen zu überliefern. Es ist ein wenig so, als stünde jemand am Strand und wollte den Ozean Welle um Welle in gläserne Behälter füllen, etikettieren und von den Gezeiten wissen, welche Erlebnisse sie mit sich tragen. Natürlich kommen wir 20 Jahre zu spät, seufzt Serotta. Aber vor zehn Jahren gab es noch nicht die technischen Möglichkeiten für unser Projekt, und in zehn Jahren wird es zu spät sein. Dann, das weiß er, werden die Quellen der Erinnerung unwiderruflich versiegt, werden die letzten Zeugen gestorben sein.