Worüber können heute zwei Freunde streiten, die sich sonst im Politischen über alles einig sind? Wenn der eine Jude ist und der andere nicht, dann sicher nur über Amerika. Dann werden aus zwei liberalen Menschen Kampfhähne. "Amerika bricht alle internationalen Gesetze, ist ein Imperialist, es geht doch nur ums Öl, dieser Bush ist doch so primitiv!" – "Wir" müssen uns dagegen wehren. Aus der jüdischen Ecke kann man nur noch verhalten reagieren.

Wie soll man seine Gefühle erklären, ohne sich selbst in einem ethnischen Essenzialismus zu verlieren? Kann es so etwas wie eine jüdische Einstellung zu Amerika überhaupt geben? Wie erklärt man es, dass Amerika für Befreiung steht – und dann nicht versteht, warum gerade Deutsche das nicht verstehen, und bei dem Gedanken erzittert, dass sie es nicht verstehen wollen?

Wie erklärt man es, dass man als Jude gerade in Amerika am leichtesten atmen kann? Amerika war und ist für viele Juden immer schon das "goldene Land", das wahre Zion, wo Milch und Honig für sie fließen können. Der wahrhaftig sicherste Ort für Juden in dieser Welt, ein Land, wo kürzlich der Jude Joseph Lieberman es beinah geschafft hätte, Vizepräsident zu werden. Amerikanischer Humor ist auch jüdischer Humor, nicht nur wegen Woody Allen und Lenny Bruce. Das Great American Songbook wäre ohne George und Ira Gershwin sowie Irving Berlin nicht denk- und hörbar.

Es ist kein Zufall, dass viele Juden, falls es ihnen besonders gut geht, einfach "Amerika" sagen. In keinem Land der Welt haben Juden es so weit bringen können wie in Amerika – ja sogar so weit, dass es dem antijüdischen Ressentiment erlaubt ist, von "jüdisch kontrollierten Machtzentralen wie den Medien zu reden". Aber selbst davor schaudert es einen nicht, sondern man nimmt es mit heimlichem Stolz wahr und wünschte, es wäre so. Daher sind im Bewusstsein vieler Juden die Angriffe gegen Amerika gleichzeitig Angriffe gegen Juden.

Geht man durch deutsche Städte, sieht man, dass die am strengsten bewachten Gebäude jüdische und amerikanische Einrichtungen sind. Nur Zufall? Wie erklärt man einem Freund, man teile im Fall des Irak ein Bauchgefühl mit Amerikanern? Wenn man meint, dass sich im Irak etwas zusammenbraut, was mit sozialpädagogischem Dialog nicht aus der Welt zu schaffen ist? Dass man Stellung beziehen und sich sogar über internationale Vereinbarungen hinwegsetzen möge, da diese Vereinbarungen im Ernstfall schon mal versagten?

Wer sich alles so am Öl berauscht

Man hört sich argumentieren, sagt Dinge, die man als Liberaler eigentlich nicht von sich hören möchte. Man sagt: "Nur Amerika kann uns beschützen", denn Amerika ist vielleicht das jüdischste Land auf der Welt, vielleicht sogar jüdischer als Israel. Denn in Amerika muss man sich nicht assimilieren; es gibt keinen amerikanischen Essenzialismus, dem man sich anpassen muss. In Amerika ist man Vergangenheit (wo man herkommt) und Gegenwart (Verfassungspatriot) zugleich. Da der Assimilationsdruck oft geringer und der Fortbestand kultureller Identitäten im Rahmen multikultureller Konzeptionen legitim ist, muss sich die Identität von Juden und anderen Gruppen nicht unbedingt durch ihre Verbindung zum Heimatland definieren. Keiner schwafelt von Integration; Leben in der Diaspora ist Leben in der ständigen Spannung zwischen Universalismus und Partikularismus. Zu universal, um partikular und zu partikular, um universal zu sein. So typisch amerikanisch und am Ende vielleicht doch auch "typisch jüdisch"? Kann man so etwas seinem deutschen liberalen Freund erklären, der doch sein ganzes Leben lang versuchte, sich aus dem verschmähten Partikularismus zu befreien, und nun gar nicht verstehen will, dass man sein typisch jüdisches Schicksal lieber der amerikanischen Armee als der deutschen Friedensbewegung anvertrauen will?

Dann liest man die täglichen Angriffe auf Amerika in der Presse, geht zu Veranstaltungen, auf denen Dan Diner sein neues Buch Feindbild Amerika vorstellt. Er tut es zusammen mit Philippe Roget, der in seinem Buch L’Ennemi Américain deutschen Antiamerikanisten den Spiegel der französischen Amerikagegner vorhält. Und dann raucht es wieder im Publikum: Amerika als Kriegshetzer, Imperialist, Amerika ist vulgär, materialistisch, typisch Hollywood, alles aufs Geld reduzierend.