Mythos einer Schlacht Hilfe unter Feinden
Bahnhof Stalingrad – in den oberen Etagen des Gebäudes wird gekämpft, während unten Sanitäter beider Seiten die Opfer versorgen
Es ist der Abend des 30. Januar 1943, draußen herrschen 30 Grad minus, in unserem Verbandszelt sind es nur wenige Grad über null. Der fürchterliche Schneesturm macht die strenge Kälte noch unerträglicher. Einige vom medizinischen Personal nutzen eine kurze Pause zur Erholung, sitzen um den glühenden Ofen, rauchen, stippen harten Zwieback in heißes Wasser in Bechern. Mit anderen Ärztinnen und Krankenschwestern will ich mich gerade in einem Erdunterstand aufwärmen, da werden wir zum Brigadearzt befohlen. Unsere Brigade oder das, was von ihr übrig blieb, erhält den Befehl, noch in dieser Nacht auf jeden Fall den Bahnhof Stalingrad 2 zu besetzen.
Wir beladen den letzten uns verbliebenen Sanitätskraftwagen mit Verbandsmaterial und Medikamenten, um ins Kampfgebiet zu fahren und den dort eingesetzten Sanitätszug zu verstärken. Wir fahren durch die zerstörten und verschneiten Vororte. Im Licht der Autoscheinwerfer, das wir nicht mehr abzudunkeln brauchen, weil mit feindlichen Fliegern nicht mehr zu rechnen ist, sehen wir vormarschierende Soldaten und Fahrzeuge mit Kriegsgerät. Die Straßen sind halbwegs von Trümmern geräumt, rechts und links stehen nur noch die Gerippe hoher Häuser, kahle Mauern mit leeren Fensterhöhlen und nackten Balkonen.
Zwischen den Trümmern brennen Feuer, an denen sich Soldaten wärmen. Die Kälte setzt ihnen bitter zu, trotz Filzstiefeln und großzügiger Zuteilung von Wodka; nur wenige haben Pelzjacken. Überall eingestürzte Verteidigungsstellungen und die gefrorenen Leichen gefallener feindlicher Soldaten, mancherorts in langen Reihen aufgestapelt. Einige hat man mit Diesel übergossen und angezündet, sie glimmen wohl schon seit Tagen. In großem Umkreis verbreitet sich der Gestank verkohlenden Fleisches. Der hart und tief gefrorene Boden erlaubt es nicht, die große Zahl von Leichen zu beerdigen.
Nach Mitternacht erreichen wir den Einsatzort. Im Keller eines zerstörten Hauses, etwa 200 Meter vom Bahnhof entfernt, richten wir unseren medizinischen Stützpunkt ein. Wir installieren eine elektrische Glühbirne, die von einem Panzer-Akku gespeist wird, eine Petroleumlampe und zwei mit Diesel gefüllte Granathülsen mit Dochten. Das ist unsere Beleuchtung. Ein eiserner Ofen kann den Keller nicht erwärmen, durch die zerschlagenen Fenster treiben Schnee und Kälte herein.
Wir verstopfen die Fensterlöcher mit Matratzen und unseren Umhängen, bauen Tische und Kisten auf und sortieren unser Material. Draußen räumen wir Schnee und Trümmer so gut es geht beiseite. Um uns herum bereiten sich unsere Soldaten auf den Angriff vor. Geschütze, Granatwerfer und Flugzeugabwehrkanonen werden in Stellung gebracht. Alle Rohre richten sich auf den Bahnhof, dessen Umrisse sich in der Dunkelheit deutlich abzeichnen. Mit einem klatschenden Geräusch steigen jetzt Leuchtkugeln in den Himmel. Kurz werden jedes Mal die leeren Höhlen der Fenster und Eingänge des Bahnhofs sichtbar. Der Angriff beginnt.
Im Licht der huschenden Scheinwerfer, im Aufflammen detonierender Granaten und Minen, im Mündungsfeuer der Maschinengewehre leuchtet ein Reigen tanzender Kinderfiguren in der Dunkelheit auf. Es ist ein unheimliches Schauspiel: ein Tanz zur Orchesterbegleitung des Krieges, wie in Todeszuckungen sich bewegende Tänzer. Geschütze verschiedener Kaliber speien ihre Geschosse gegen die Feinde. Pfeifendes Getöse dringt ohrenbetäubend auf den Platz, den Bahnhof und die Ruinen ringsum. In diesem Feuer und Waffenlärm setzen die Kinderfiguren am Brunnenrand ihren rasenden Reigen fort. Ein Tanz wie ein Schrei nach Leben.
Der Bahnhof schweigt unter dem Artilleriefeuer. Wir hören das Dröhnen unserer Panzer, sie rollen nach vorn. In ihrer Deckung dicht gedrängt die schwarzen Gestalten der Marineinfanterie. Nun fängt auch der Bahnhof an, aus seinen hohlen Mündern in der Sprache des Krieges zu bellen. Die Deutschen schleudern Handgranaten und Molotowcocktails gegen unsere angreifenden Truppen, schießen Panzerfäuste, feuern aus ihren automatischen Waffen. Von den Sturmtruppen fällt ein Mann nach dem anderen. Unsere Sanitäter erreichen kriechend die Verwundeten und zerren sie nach hinten, einige fallen tot neben den Verwundeten um.
Der Reigen der Figuren hört nicht auf. Im flackernden Schein der Leuchtspurgeschosse und Explosionen setzen sie ihren Opfertanz ungestüm fort. Schnee fällt immer dichter, so, als seien die Schneeflocken bemüht, die Toten und die Tänzer zu schützen vor weiterer Zerstörung durch diesen menschlichen Wahnsinn. Doch ihr Bemühen ist vergeblich.
Jetzt werfen sich auch die Kämpfer der Schützendivision mit Hurra-Geschrei in den Kampf. Die Panzer, auf denen sie kauerten, sind direkt an das Bahnhofsgebäude herangefahren. Hinter den Türmen der Panzer hatten die Schützen Deckung vor dem Abwehrfeuer der Feinde gesucht, oft vergeblich. Sie werfen Handgranaten durch die Fenster und springen hindurch – zum Nahkampf mit Spaten, Gewehrkolben und Bajonetten. Von Treppenabsatz zu Treppenabsatz, von Zimmer zu Zimmer müssen sie sich vorkämpfen.
Die Winternacht geht zu Ende. In den oberen Stockwerken wird noch geschossen. Vor der Frontseite des Bahnhofs brennen vier Panzer, es sind die Letzten unserer Brigade. Rauchschwaden ziehen über den Platz. Überall liegen Gefallene und Stöhnende im Schnee. Unsere Sanitäter ziehen die Verwundeten auf Zeltbahnen und Umhängen über den Platz zum medizinischen Stützpunkt.
Im ersten fahlen Licht des Tages, das mühsam durch den Rauch dringt, schwindet die Wildheit des gespenstischen Reigens, ganz so, als erstarre er allmählich zu seiner vorausbestimmten Form.
Die Verwundeten werden ins Feldlazarett abtransportiert. Für die Schwerverwundeten haben wir nur noch einen Sanitätskraftwagen, die anderen müssen den Transport im planengedeckten Lkw auf sich nehmen. Beim zweiten Transport bin ich als Begleiter dabei. Es gelingt uns nicht, alle Verwundeten lebend ins Lazarett zu bringen. Einige sterben unterwegs am großen Blutverlust oder am Schock. Bei manchen bluten unter gefrorenen Verbänden die Wunden weiter, ohne dass wir eingreifen können. Von der Fahrt zurück, bin ich ziemlich verzweifelt.
Der Lärm der Schlacht ist verstummt. Einige Deutsche haben sich ergeben. Von den Gefangenen erfahren wir, dass bei den Deutschen diejenigen Soldaten, die sich während des Kampfes ergeben wollten, von eigenen Leuten erschossen wurden. Während in den oberen Etagen des Bahnhofs noch gekämpft wurde, sind unsere Sanitäter unter Gefahren in einen Gebäudeflügel eingedrungen und haben dort notdürftig einen Verbandsplatz eingerichtet. In getrennten, aber benachbarten Räumen werden Verwundete der sowjetischen und der faschistischen Truppen untergebracht. Bei den Feinden gibt es sehr viele Erfrierungen. Die Sanitäter beider Seiten arbeiten zusammen, um allen Verwundeten möglichst schnell zu helfen.
Es ist schon Tag. Aus einigen Fenstern des Bahnhofs quillt dichter Rauch. Der Schnee bedeckt allmählich unsere Gefallenen. Aus dem Bahnhofseingang werden Gruppen Gefangener herausgeführt. Diese menschlichen Geschöpfe bieten einen beklagenswerten Anblick. Mit Tüchern über den Feldmützen, zerrissenen Decken über den Uniformen, Lappen und Stroh um die Stiefel gewickelt, versuchen sie, sich gegen die Kälte zu schützen.
Die Bilder von Kampf und Tod, von Leichen und um Hilfe flehenden Verwundeten versetzen die um den Brunnen tanzenden Kinder in Grauen. Ihre Bewegungen werden langsamer und erstarren mit zunehmendem Tageslicht ganz.
All diese gefallenen Kämpfer, manche so jung noch und von keinem Mädchen geküsst, hätten sich einreihen sollen in den Tanz zum Ruhme des Lebens. Aber geküsst hat sie der Tod, und der Tanz der Figuren um den Brunnen ist erstarrt zu kaltem Stein. Die Fontäne in der Mitte des Brunnens – immer noch sprudelt sie aus den Tränen, die Mütter, Frauen und Kinder, Freunde und Verwandte um die gefallenen Kämpfer verschiedener Völker und Nationen geweint haben.
Übersetzung aus dem Russischen: Gerhard Stahl
Leonid Fialkovski, geboren in Weißrussland, setzte sein Medizinstudium nach dem Krieg in Leningrad fort. Später arbeitete er als Chefarzt für Innere Medizin in der Ukraine. Nach dem Super-GAU von Tschernobyl half er den Opfern. Seit 1995 lebt Fialkovski mit seiner Frau in Karlsruhe
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- Quelle (c) DIE ZEIT 05/2003
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