Dass sich die Kirchen gegen einen Irak-Krieg aussprechen, mag nicht überraschen, die Massivität und Einstimmigkeit des Protests fallen aber doch auf. Die christliche Nein-Front ist international und interkonfessionell, der Papst und der anglikanische Erzbischof von Canterbury gehören ebenso dazu wie die evangelischen und katholischen Episkopate in Deutschland. Meinungsunterschiede zwischen "Basis" und "Amtskirche", sonst eine vertraute Komplikation beim christlichen Engagement, sind nicht zu spüren. Die mahnenden Predigten, Andachten, Synodalbeschlüsse und Bischofsworte werden mit einer Mischung aus wohlwollendem Staunen und schwacher Heilshoffnung weit über religiös interessierte Kreise hinaus wahrgenommen. Gerade hat Franz Alt die Leser des Neuen Deutschlands über die moralische Statur und die Friedensethik Johannes Pauls II. in Kenntnis gesetzt.

Bis 1989, immerhin unter der Drohung des atomaren Weltuntergangs, war die kirchliche Debatte über Rüstung und Krieg in der Bundesrepublik und im gesamten Westen von einer gewissen weihevollen Unentschiedenheit. Fromme Pazifisten und Militärpfarrer versicherten einander mit zusammengebissenen Zähnen ihres brüderlichen Respekts; der Streit ging darum, ob die Wehr- und Gewaltlosigkeit im Geiste der Bergpredigt das "deutlichere Friedenszeugnis" sei als eine christlich-ritterliche Verteidigungsbereitschaft. Die neunziger Jahre brachten die Diskussion über Militäreinsätze im Dienste von Völker- und Menschenrecht und damit neue friedensethische Dilemmata: Man misstraute einem bewaffneten Werte-Imperialismus; aber beim Genozid tatenlos zuzusehen, wie in Ruanda und zum Teil auch in Bosnien, schien gleichfalls unverantwortlich. Vom Feldzug zur Befreiung Kuwaits 1991 bis zur Kosovo-Kampagne 1998/99 war die christliche Rede über Krieg und Frieden zögerlich und durchaus widerspruchsvoll. Umso bemerkenswerter nun die fast militärische Geschlossenheit bei der Gegnerschaft gegen eine drohende Irak-Intervention.

Der Papst ist kein Pazifist

Überhaupt haben die Kirchen in Deutschland in den vergangenen Jahren den Charme der Klarheit wiederentdeckt. Sie beginnen ihre Randstellung in einem entchristlichten Land zu akzeptieren und das Beste daraus zu machen: Wer nicht mehr für Mehrheit und Mitte der Gesellschaft redet, muss auch weniger Rücksichten nehmen. Beim Thema Bioethik haben sie sich, bis tief in den sonst oft laxen Protestantismus hinein, für eine harte lebensschützerische Haltung entschieden und sind dafür zwar nicht mit allgemeiner Zustimmung, aber doch mit verbreitetem Respekt belohnt worden. Gottesdienste sollen wieder Gottesdienste sein, keine Selbstverwirklichungsveranstaltungen von Geistlichen und Gemeindeaktivisten, und auch beim Streit mit dem Staat, um Religionsunterricht oder Privatschulen, darf die Kirche ruhig einmal Zähne zeigen. Zeitgeistresistenz kommt gar nicht so schlecht an, sie kann sogar ausgesprochen schick sein – das scheint das Motto der neuen, kleineren Kirche in der Berliner Republik zu sein, von niemandem so beredt und ansehnlich verkörpert wie vom evangelischen Hauptstadtbischof Wolfgang Huber. Diesmal, in der Irak-Frage, hat die Entschiedenheit des "Hier stehe ich, ich kann nicht anders" auch noch den Vorzug der Popularität. Das freilich sollte die Anwälte des neuen christlichen Nonkonformismus eher misstrauisch stimmen. Viel Mut braucht es nicht, um im Verein mit Deutschlands Volk und Regierung gegen George W. Bush zu sein.

Die Schlüsselfigur der kirchlichen und christlichen Kriegsgegnerschaft, mit erstaunlicher Ansteckungswirkung über den Katholizismus hinaus, ist Papst Johannes Paul II. Seine Ansprache vom 13. Januar an das beim Heiligen Stuhl akkreditierte Diplomatische Korps wurde in aller Welt gehört und zitiert. Dass der Krieg "niemals ein unvermeidliches Schicksal", dass er "immer eine Niederlage der Menschheit und der Menschlichkeit" sei, kein "Mittel wie andere auch" zur Beilegung politischer Konflikte – diese Worte des Papstes haben sofort ein starkes Echo gefunden.

Kulturkampf und Friedensliebe

Der Papst ist überzeugt, dass ein Irak-Feldzug diesen moraltheologischen Test nicht besteht. Er ist aber kaum der Mann, sich letztlich von solchen Kalkülen leiten zu lassen. Mitleid mit den unschuldigen Opfern scheint sich bei ihm bisweilen mit düsteren Gedanken über den Weltlauf im Ganzen zu verbinden. Besonders aber ist der gesamte Wojtyla-Pontifikat dagegen ausgerichtet, theologische Legitimationen oder Scheinlegitimationen für einen clash of civilizations zu liefern. Es gibt, aller bekannten dogmatischen Strenge zum Trotz, ein tiefes ökumenisches und interreligiöses Dialog- und Einigungsbestreben bei Johannes Paul II., den Traum von einer großen Glaubensallianz in einer gottfernen Gegenwart. So hat sich der Vatikan nicht gescheut, mit den islamischen Staaten auf internationalen Konferenzen gemeinsame Sache gegen Geburtenkontrolle und Abtreibung zu machen. Dieses kulturkämpferische Moment darf man neben der echten Friedensliebe nicht außer Acht lassen, wenn man vom Papst als Vorreiter des christlich-muslimischen Gesprächs redet. Schon sein Widerstand gegen den Golfkrieg von 1991 war spürbar von der Entschlossenheit motiviert, sich auf keinen Fall als Schirmherr eines abendländischen Kreuzzugs gegen den andersgläubigen Orient missbrauchen zu lassen. Aber eben auch deshalb, weil der Westen, wie er in der heutigen Weltpolitik erscheint und agiert, für Karol Wojtyla nicht mehr das christliche Abendland ist, sondern der Inbegriff einer höchstproblematischen Moderne. Und die Vereinigten Staaten von Amerika sind der Inbegriff dieses Inbegriffs.

Traditionelle diplomatische und kirchenpolitische Erwägungen des Heiligen Stuhls fallen gleichfalls ins Gewicht. Die schwachen, aber historisch wichtigen christlichen Gemeinden des Nahen Ostens sollen nicht zum Ziel islamischer Repressalien werden; Ordenskrankenhäuser und katholische Schulen vom indischen Subkontinent bis in den Fernen Osten führen eine prekäre Existenz als mögliche "weiche Ziele" von Terroranschlägen, ohne jenen massiven Schutz, den amerikanische Botschaften oder Truppenstützpunkte genießen. Und was die überall präsente Palästinafrage betrifft, so hat die Politik des Vatikans seit je eine proarabische Schlagseite, die auch durch die diplomatische Anerkennung des Staates Israel unter Johannes Paul II. und seinen Einsatz für den christlich-jüdischen Religionsdialog nicht völlig verschwunden ist.