Venousek haben sie ihn gerufen, Wenzelchen. Die gebildete, entschiedene Mutter. Der reiche, demokratische Ideale predigende Vater. Wenzelchen saß und las und lief nur selten zum Garten oder zu den Gouvernanten. Dicker Václav, gutes Kind. Doch dann überwältigte den Jungen, was schon Mozart in Prag entdeckt hatte: die Theaterbegeisterung des gebildeten Bürgertums. Zum Leidwesen seiner promovierten Mutter wollte er vom Studium nichts wissen.

Václav Havel betrat die Bühne als Kulissenschieber. Das 1958 gegründete, bald weltberühmte Theater am Geländer eroberte er als Dramatiker. Im Kielwasser von Bulgakow und Ionesco führte er die kommunistische Bürokratie ad absurdum.

Die besten Rollen aber spielte er selbst. Im Untergrundsender von Liberec (Reichenberg) mit seinen flammenden Aufrufen gegen die sowjetische Okkupation 1968. Als Hauptdarsteller der Bürgerrechtsbewegung Charta 77. Als politischer Häftling der Prager Staatssicherheit, zuerst 1977, zuletzt im Wendejahr 1989.

Ungarn hatte im Februar 1989 bereits unabhängige Parteien zugelassen, Polen diskutierte schon am Runden Tisch über politische und wirtschaftliche Reformen, als Havel im Mai aus dem Gefängnis kam. Das verwöhnte Bürgerkind von einst war zum Freiheitshelden mit vielen Narben geworden.

Acht Tage nach dem Fall der Berliner Mauer begann mit den Studentendemonstrationen am 17. November 1989 die samtene Revolution in Prag.

Sie erhielt diesen Namen, weil Václav Havel und sein Bürgerforum aus den verrauchten Gewölben des Theaters Laterna Magika so geschickt und entschieden Regie führten, dass die kommunistische Führung ohne Blutvergießen abtrat. Am Ende trugen selbst die Straßenbahnen die Aufschrift: "Havel auf die Burg".

Die Burg aber, das musste der neue Präsident schnell erfahren, bot nicht die vertrauten Kulissen. Das "Leben in der Wahrheit", das er der Diktatur so beispielhaft entgegengesetzt hatte, ließ sich weit schwerer mit der Demokratie verknüpfen. In ihr führt der Kompromiss Regie. Während der Präsident bei Akademien und Banketts für Europas Integration warb, vollzog sich die Desintegration der Tschechoslowakei. Als alle Auguren der neuen Tschechischen Republik ohne den Klotz der Slowakei schon den gloriosen Einzug in die EU prophezeiten, endete die Revolution von 1989 im neoliberalen Filz.