Warum sollte die Buchmesse nicht in München stattfinden? Die Antwort scheint einfach: weil sie Frankfurter Buchmesse heißt, weil sie schon 1564 in Frankfurt stattgefunden hat, weil der internationalen Verlagswelt der Fußweg vom Hessischen Hof zum Ausstellungsgelände so ans Herz gewachsen ist. Der Vorschlag des neuen Buchmessenchefs Volker Neumann, die bedeutendste Buchmesse der Welt wegen des raubritterhaften Finanzgebarens der Frankfurter in die neuen Messehallen nach München zu verlegen, hat stürmische Proteste ausgelöst - in Frankfurt, versteht sich.

Der Symbolwert der Bankenmetropole, so hieß es, sei unantastbar, wenn auch mit bis zu 500 Euro pro Hotelnacht teuer bezahlt. Aus München liegt der Messeleitung ein schriftliches Angebot einer Arbeitsgemeinschaft des Hotel- und Gaststättenverbandes über Preisreduktionen vor

in Frankfurt ziehen es Messebesucher bei Hotelpreisaufschlägen bis zu 500 Prozent inzwischen vor, allabendlich nach London heimzufliegen.

Das ist die Freiheit, in der wir leben. Und Kapitalismus ist, wenn jeder so viel Geld verdienen will, wie er kann. Solange alle damit zufrieden sind, blühen auch in Frankfurt die symbolischen Landschaften. Ob man in Neu-Delhi oder New York aber wirklich bereit ist, international weitgehend unbekannte, lokalpatriotische Traditionen auch in Krisenzeiten zu subventionieren, erscheint außerhalb des Main-Taunus-Kreises fraglich. Insofern ist der Vorschlag, unter kostengünstigen Bedingungen nach München auszuweichen, nicht falsch. Kapitalismus ist eben auch, wenn jeder so wenig bezahlen will wie möglich.

Der Staffelmietvertrag, den die Buchmesse mit der Frankfurter Messegesellschaft vor sechs Jahren geschlossen hat und der binnen zehn Jahren auf eine Verdoppelung des Mietzinses hinausläuft, kündet noch von den finanziellen Blütenträumen der fetten Jahre. Zusatzgebühren in atemberaubender Höhe für die Beflaggung von Fahnenstangen oder den Betrieb von Wasserfontänen erzählen von den Grotesken, welche die finanzielle Vernunft aufführt, wenn sie niemand daran hindert.

Die schwere Krise, von der die Printmedien und Verlage seit kurzem erfasst sind, erzwingt jedoch eine Änderung. In der Not müssen die Fahnen unbezahlt im Winde klirren. In der Krise müssen die Kosten gesenkt werden. Warum soll Frankfurt nicht können, was München kann? Der Buchmessenchef hat den Frankfurter Verantwortlichen einen Forderungskatalog vorgelegt, den man nur billigen kann: Mitsprache bei Umbaumaßnahmen auf der Messe, Reduzierung des Mietpreises, Verzicht auf Zusatzkosten, deutliche Hotelpreisreduzierung, Verzicht auf erzwungene Sechstagebuchungen. Bei einem ersten Gespräch am vergangenen Montag wurde zähneknirschend Verhandlungsbereitschaft signalisiert. Immerhin bringt die Messe jährlich rund eine Milliarde Euro in die Stadt.

Das keineswegs Undenkbare wird sich vermutlich abwenden lassen, die Messe wird im Dorf und Symbol- und Alkoholwert des Ereignisses werden in den langen Nächten im Frankfurter Hof so ununterscheidbar bleiben wie eh und je.