Im Spätsommer 2001 überraschte die Bürger New Yorks eine ungewöhnliche Werbekampagne. Plakate zeigten eine auf den Kopf gestellte Babynuckelflasche. In Form einer Sanduhr sollte sie das Verrinnen der besten Jahre zum Kinderkriegen symbolisieren. Die Botschaft der Amerikanischen Gesellschaft für Reproduktionsmedizin: Wer zu lange mit der Familiengründung wartet, gefährdet seine Fruchtbarkeit.

Eine solche Kampagne wäre auch in Deutschland angebracht. Das mittlere Alter der Erstgebärenden steigt kontinuierlich: 1961 bekamen Frauen ihr erstes Kind im Schnitt mit 25 Jahren, 2000 mit 29 Jahren. Zugleich wächst die Zahl der spät berufenen Mütter: Waren 1990 nur fünf Prozent der Erstgebärenden über 35 Jahre alt, so lag ihr Anteil im Jahr 2000 bereits bei 16 Prozent.

Kinderwunsch auf Eis

Von Jahr zu Jahr wird die Familienplanung von vielen Frauen verschoben. Das zeigt eine im Rahmen des Forschungsverbundes Fertilitätsstörungen erhobene Studie: 20-Jährige möchten mit 26 Jahren ihr erstes Kind bekommen. Frauen zwischen 21 und 30 Jahren gaben als ideales Gebäralter 29 an. Den Befragten zwischen 31 und 40 Jahren galt das 36. Lebensjahr als der beste Zeitpunkt zur Familiengründung. Doch wenn der Kopf ja zum Kind sagt, erhebt der Körper oft Einspruch. Von Jahr zu Jahr wächst die Zahl der Frauen, die nach dem späten Entschluss zum Kind überrascht feststellen, dass es leichter ist, eine Schwangerschaft zu vermeiden, als sie herbeizuführen.

Das Alter einer Frau ist der wichtigste Indikator, ob es mit dem Kinderwunsch klappt – und der Hauptgrund, warum die Wartezimmer deutscher Fortpflanzungsmediziner voller sind denn je. Daher versuchen auch die Reproduktionsforscher die natürliche Zeugungszeit immer weiter auszudehnen. Schon heute erlauben gynäkologische Manipulationen die Empfängnis selbst im Großmutteralter. Propheten wie Carl Djerassi propagieren eine Zukunft, in der Paare "in jungen Jahren Spermien und Eizellen auf Eis legen und sich danach sterilisieren lassen". Je nach Bedarf könnten sie später auf die Fruchtbarkeitsreserve zurückgreifen, so die Vision des Forschers, der sich selbst "Mutter der Pille" nennt.

Bis solche Träume Wirklichkeit werden, bleibt das Alter jedoch der Fruchtbarkeitskiller Nummer eins – ohne dass die meisten Frauen dies wissen. "Viele Patientinnen denken, ihre biologische Uhr hört irgendwann auf zu ticken, wenn sie in den Vierzigern sind", sagt der Berliner Frauenarzt Heribert Kentenich. "Dass der Prozess jedoch viel früher beginnt, ist ihnen nicht bewusst." Manchen Angehörigen der Generation 35 plus schwant zwar, dass sie in punkto Empfängnisfähigkeit zu einer Risikogruppe gehören. Sie sehen die Gefahr jedoch einzig darin, behinderten Nachwuchs in die Welt zu setzen – nicht aber darin, überhaupt keine Kinder mehr bekommen zu können.

Die biologisch erfolgreichste Zeit für die Fortpflanzung reicht bis zum Alter von 25 Jahren, erklärt der Ulmer Reproduktionsmediziner Friedrich Gagsteiger. Bereits danach beginne die Fertilität zu schwinden: erst leicht bis zum Alter von 30 Jahren, dann stärker bis 35. Danach fällt die Fruchtbarkeitskurve steil ab. Mit jedem Jahr sinkt die Wahrscheinlichkeit, schwanger zu werden, um einige Prozent. Frauen über 40 können nur noch in seltenen Fällen ein Kind bekommen – in vielen Fällen versagt dann selbst die künstliche Befruchtung.

Denn das Eizelldepot der Frau ist zu diesem Zeitpunkt weitgehend erschöpft. Während sie bei ihrer Geburt noch über eine Million unreifer Eizellen verfügt, schrumpft der Vorrat bis zur Geschlechtsreife auf 250000. Mit jedem Jahr wird die Zahl der Eizellen geringer, bis das Fruchtbarkeitsreservoir ganz versiegt.