Es ist ein bemerkenswerter Roman über den Krieg im Irak erschienen, und niemand redet davon. Der Roman spricht von "Bagdad" und der "Expedition in Mesopotamien", er befasst sich mit dem Luftkrieg und den Feuersbrünsten, die Deutschland doch so sehr bewegen. Er erzählt von pre-emptive air strikes, wie sie derzeit im Irak fast täglich stattfinden, davon, dass man vorwegnehmend "den Feind geblendet hat, indem man ihm die Augen auskratzte, nämlich seine Flugzeuge und Fesselballons zerstörte". Er erzählt von den Flugzeugen über den Städten und verbindet sie wie Francis Ford Coppola mit der Apokalypse und mit Wagners Walkürenritt.

Dann dreht er das Thema in die Metropolen zurück, zu den Angriffen mit "giftigen Gasen" auf eine Hauptstadt des Westens, wo diese Gase die luxurierenden Oberschichtsdamen beim "Auflegen der letzten Schminkschicht" und ihre narzisstischen Galane beim Nachziehen "falscher Brauen mit einem vollendeten Pinselstrich" überraschen und gleichsam "konservieren", sodass die "Frivolität einer Epoche zur Materie profundester Gelehrsamkeit für die künftige Geschichtsschreibung" wird.

Eine Vision aus dem Orient

Und er dreht es aus den Metropolen wieder zurück nach Bagdad. Auf seinem Heimweg in der verdunkelten westlichen Hauptstadt wird der Held des Romans entrückt: "Während ich mich mehr und mehr in dem Netz der dunklen Straßen verlor, dachte ich an den Kalifen Harun al Raschid, wie er sich in den entlegenen Stadtvierteln Bagdads auf die Suche nach Abenteuern begab." Die Frau im einzigen erleuchteten Fenster weit und breit nimmt für unsern Träumer im Okzident "den geheimnisvollen schleierverhüllten Zauber einer Vision aus dem Orient an", doch die "Detonation einer Bombe, der keine Sirenenwarnung vorausgegangen war", bringt ihn in den Westen zurück, in Chaos, Finsternis und "Sperrfeuer": "Ich fand meinen Weg nicht mehr. Ich stellte mir vor, dass der Gott des Bösen mich vernichten würde. Endlich spendeten die Flammen einer Feuersbrunst mir Licht

ich konnte meinen Weg wiederfinden, während unaufhörlich Kanonenschüsse erdröhnten."

Diese Schilderung einer Kriegsatmosphäre, die so viele Punkte der aktuellen Diskussion berührt, dass man sie bei Don DeLillo, Ian McEwan oder Pat Barker vermuten würde, jedenfalls bei einem der Autoren, die neuerdings den Krieg zu ihrem Thema gemacht haben, findet sich in einem 75 Jahre alten Klassiker der Weltliteratur, in Die wiedergefundene Zeit, dem siebten und letzten Band von Marcel Prousts Romanwerk Auf der Suche nach der verlorenen Zeit. Sie bezieht sich auf den Feldzug der englischen Generäle Townshend und Gorringe 1915/16 im Irak und auf den Ersten Weltkrieg.

Für literarische Snobs mögen derlei Aktualisierungen ein Gräuel sein. Aber bereits der durchaus snobistische Roland Barthes war anderer Ansicht. Im jüngst auf Deutsch erschienenen Band mit seinen gesammelten Interviews nennt er Proust "ein vollständiges Lektüresystem der Welt". "Es gibt in unserem alltäglichen Leben keinen Zwischenfall", sagt Barthes, "keine Begegnung, keinen Zug, keine Situation, die nicht in Proust ihren Bezugspunkt hätte. Die Lust, Proust zu lesen - oder vielmehr ihn wiederzulesen -, ähnelt also dem Zurateziehen der Bibel: es ist die Begegnung eines aktuellen Geschehens mit dem, was man im umfassendsten Sinne des Wortes eine Weisheit nennen muss: mit einem Wissen vom Leben und seiner Sprache."