Die ZEIT-Schülerbibliothek (13) Frau Mahlzahn, Tur Tur und Emma

Er hatte einen Satz und wusste nicht, wie es weitergehen sollte: „Das Land, in dem Lukas der Lokomotivführer lebte, hieß Lummerland und war nur sehr klein.“ Man darf der Legende des Autors glauben. Obwohl der Satz reichlich viele Alliterationen enthält, war er doch perfekter Anlass zum Weiterspinnen. Ein Lokomotivführer samt Lokomotive auf einer winzigen Insel – idealer Schauplatz jeder Utopie –, das kann nicht lange gut gehen, das drängt in die Ferne. Was nur als kleine Geschichte zu einem Bilderbuch gedacht war, wurden schließlich 600 Seiten. 1954 schrieb der junge Michael Ende seinen Roman, 1960, nach elf erfolglosen Versuchen, fand das Manuskript eine Heimat. Thienemanns Verlag hatte die entscheidende Idee, man machte zwei Bücher daraus. Am (vorläufigen) Ende wurde Jim Knopf drei Millionen Mal verkauft, in 25 Sprachen übersetzt und, dank frühmedialer Fernsehfassung der Augsburger Puppenkiste, zum deutschen Gesamtkunstwerk.

Die Welt als Modelleisenbahn: ein König, ein Beamter, eine Angestellte, ein Arbeiter und eine Maschine. Oder besser: Alfons der Viertel-vor-Zwölfte, Herr Ärmel, Frau Waas, Lukas und Emma. Ein Kinder- und Erwachsenentraum wird wahr, endlich ist die Welt überschaubar und hat Namen, schrumpft die Polis auf seinen Kern, alles ist zweckfreies Kinderspiel auf Lummerland – der Vorhang hebt sich.

Als eines Tages ein Paket falsch zugestellt wird, beginnt ein Abenteuer, das den „kleinen Neger“ Jim Knopf – er lag Moses gleich in der Schachtel – und seinen großen Freund Lukas in die Ferne führt. Nach guter Märchentradition suchen sie die entführte Prinzessin, treffen auf Riesen und Drachen, besiegen Hitze und eisige Kälte, um zum Schluss im langen Happy End zu schwelgen. Nichts Neues im Sagenland also, und da gelingt Michael Ende mit einem großen kleinen Dreh der Zaubertrick: Er verwandelt das Pferd des edlen Ritters in eine Lokomotive, das industrielle Zeitalter hält Einzug ins Märchen und wird golden.

Emma heißt die wahre Hauptfigur des Romans. Die Lokomotive schlägt die Augen nieder, ist traurig, will gestreichelt und gepflegt sein, dient als Schlachtross und verkleideter Drache, als Wohnung und Schiff, „versteht von allem nicht viel“. Man kann sich also auf sie verlassen. Wo früher Zinnsoldat oder Holzfigur zum Leben erweckt wurde, schafft jetzt jenes schnaufende Helferlein die Verbindung zwischen Ding und Leben, Technik und Natur. Und Lukas der Lokomotivführer erklärt, was Jim das Findelkind nicht versteht. Warum die Lokomotive schwimmt, warum das Tal der Dämmerung einstürzt, der Riese nur ein Scheinriese ist, warum sie aus der Wüste keinen Ausweg finden und bei den Schwarzen Felsen nichts sehen – Echo, Fata Morgana, Relativitätstheorie, Absorption von Licht. Aha.

Michael Ende (1929 bis 1995) stellt Erklärungen auf den Kopf oder steigert sie ins Extrem, erklärt Märchenerscheinungen physikalisch, ohne ihnen den Zauber zu nehmen. Unvergesslich der Scheinriese Tur Tur, der umso größer wird, je weiter er sich entfernt, und immer kleiner, je näher er kommt (bis heute ein verbreitetes Phänomen bei vielen prominenten Riesen). Das Wunderbare an diesem Kinderbuch: Rationalität verbindet sich mit großer Humanität und Toleranz, zweigleisig bewegen sich Komödie und Utopie, parallel Abenteuer und Lebensweisheit. Wo später – bei Momo und seiner Unendlichen Geschichte – ständig Bedeutungsnebel wabern, bewegt sich Jim Knopf noch ganz in jenem Literaturland, das man erwachsen wie kindlich durchreisen kann.

Also darf man daran erinnern, dass der Lehrerinnen-Drache den wunderbaren Namen Frau Mahlzahn trägt, die Beschreibung des mandalanischen Essens samt gezuckerter Regenwürmer und gesottener Wespennester unvermindert wohliges Igitt auslöst, der missachtete Halbdrache so viel Mitgefühl verdient wie die Kaisertochter Li Si leuchtende Augen. Und Jim Knopf hat hier noch nichts von der Gloriole des romantischen Kindes, das kommt später: im etwas symbolträchtigeren zweiten Band Jim Knopf und die Wilde 13.

Feuerwehrmann, Cowboy und Lokomotivführer waren die männlichen Traumberufe der fünfziger Jahre. Sie haben Karriere gemacht: Der Feuerwehrmann ist inzwischen Mythos, der Cowboy eine Zigarettenmarke, der Lokomotivführer Literatur.

 
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  • Quelle (c) DIE ZEIT 05/2003
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