Geschichtslehrer Jäger der verstreuten Erinnerung

Ein früherer Handelsvertreter für Büroartikel hat seine Berufung gefunden: Der Amerikaner Edward Serotta arbeitet unermüdlich an einem umfassenden Archiv zum jüdischen Leben in Mitteleuropa

Imre Kinszki muss eine imponierende Erscheinung gewesen sein: schlank, hoch gewachsen, ein durchdringender Blick sticht aus den schmalen Gesichtszügen und sein dichter schwarzer Haarschopf, kaum zu bändigen. Eine Aufnahme aus dem Jahr 1926 zeigt den Sekretär des Verbandes der ungarischen Textilindustrie bei seiner Hochzeit in Budapest. Wie ein Filmstar sitzt er da, im Frack in einer offenen Limousine neben seiner blumengeschmückten Braut Ilona, die weißen Handschuhhände liegen lässig auf den verschränkten Beinen, und er blickt selbstbewusst und voll souveränem Stolz in die Kamera, so als sei er es gewohnt, von Paparazzi umschwirrt zu werden.

Die heimliche Leidenschaft des jungen Beau, der fünf Sprachen beherrschte, galt der Fotografie. Er erfand Spezialkameras, schrieb Fachartikel und beteiligte sich an Wettbewerben. Eine der letzten Aufnahmen, die Imre Kinszki noch auf Film bannen konnte, bevor er so wie Millionen europäischer Juden vom Holocaust verschlungen wurde, zeigt das majestätische Gebäude des Hauptbahnhofes der ungarischen Metropole. Seine Geleise führten in den Tod.

Kisten voll vergilbender Fotografien – Zeugen einer ausgelöschten Kultur

Nach der Befreiung Budapests pilgerte Frau Ilona Kinszki täglich zu diesem Ort ohne Wiederkehr, durchstreifte die Kassenhalle und forschte bei Reisenden nach dem Schicksal ihrer Familie. So brachte sie eines Tages in Erfahrung, dass ihr Bruder in Buchenwald ermordet und ihr Mann auf einem der Todesmärsche durch Österreich zusammengebrochen und im Straßengraben massakriert worden war. Der Witwe blieben nur die Erinnerungen an die ersten unbeschwerten Jahre ihrer Ehe und eine Kiste voller Fotografien, die langsam vergilbten – Zeugnisse einer Kultur, die ausgelöscht und mehr und mehr in Vergessenheit geraten war.

Über ein halbes Jahrhundert später kramte Ilona Kinszkis Tochter Judit den Erinnerungsschatz der Familie noch einmal hervor und begab sich damit in ein kleines Büro in Budapest, das ein amerikanischer Journalist und Fotograf soeben eröffnet hatte. Dort wurden ihre Bilder digitalisiert und in einem Computer gespeichert, eine junge Historikerin interviewte sie ausführlich, und Judit Kinszki erklärte jedes Foto, erzählte die Geschichten ihrer Eltern, Onkel, Tanten, Großväter und aller anderen Mitglieder der weit verzweigten Familie, die aus der Vergangenheit heraufblickten. Heute füllen diese Geschichten gemeinsam mit jenen von rund hundert weiteren jüdischen Familien aus dem mitteleuropäischen Raum ein Internet-Archiv, das der Historiker Tom Segev in der israelischen Tageszeitung Ha’aretz bereits als »das größte jüdische Museum der Welt« bezeichnet hat.

Zusammengestellt wurde diese Sammlung von dem in Wien ansässigen Centropa-Institut. Dessen Internet-Portal (www.centropa.org) stößt das Tor auf zu einer versunkenen Welt, die bestenfalls in musealen Beständen spärliche Spuren hinterlassen hat. Und mit seinen tausendundein Berichten über Schabbesfeiern und Urlaubsreisen, Liebesgeschichten und Heiratssachen, über all die kleinen und großen Tragödien und Komödien des Alltags erweckt es sie zu virtuellem Leben. Es entreißt die Gesichter der Anonymität der Archive und verweigert dadurch auch dem Massenmord jene Endgültigkeit, die er einst beansprucht hatte. »Es ist, als würde man neben einer netten, alten Dame auf dem Sofa sitzen, mit ihr im Familienalbum blättern und bei jedem Bild ihren Erinnerungen lauschen«, meint Edward Serotta, der Initiator und Leiter des Centropa-Projekts, das, wenn alle technischen und personellen Kapazitäten ausgeschöpft sind, 1500 Familiengeschichten und über 85 000 Fotografien umfassen soll.

Der 56-jährige Jäger der verstreuten Erinnerungen ist ein gehetzter Mann. Ihm steht nur noch eine knappe Frist zur Verfügung, Quellen aufzustöbern, Zeitzeugen auszufragen, den endlosen Katalog von Leben und Leiden zu ordnen, die weißen Flecken auf den Landkarten des Vergessens auszufüllen und der Nachwelt ein Album mit den exakten Vermessungsergebnissen seiner Vergangenheitsexpeditionen zu überliefern. Es ist ein wenig so, als stünde jemand am Strand und wollte den Ozean Welle um Welle in gläserne Behälter füllen, etikettieren und von den Gezeiten wissen, welche Erlebnisse sie mit sich tragen. »Natürlich kommen wir 20 Jahre zu spät«, seufzt Serotta. »Aber vor zehn Jahren gab es noch nicht die technischen Möglichkeiten für unser Projekt, und in zehn Jahren wird es zu spät sein.« Dann, das weiß er, werden die Quellen der Erinnerung unwiderruflich versiegt, werden die letzten Zeugen gestorben sein.

Als Serotta, damals ein Handelsvertreter für Bürowaren aus Savannah, Georgia, zu Beginn der achtziger Jahre zum ersten Mal nach Europa reiste, besaß er nicht die geringste Ahnung von dem ganzen Ausmaß des verschütteten Erbes der europäischen Judenheit. In seinem jüdischen Elternhaus – die Wurzeln der Familie reichen nach Litauen und Weißrussland zurück – war kaum jemals die Rede davon gewesen. Es waren die Jahre der Hippiekultur, und die Welt hatte andere Probleme als all die Orte mit unaussprechlichen Namen, die damals noch tief hinter dem Eisernen Vorhang im Permafrost des Kalten Krieges begraben lagen. In den Baptistenhochburgen der amerikanischen Südstaaten wuchsen junge Juden zudem als Außenseiter heran, die sich möglichst schnell anpassten und kein Aufhebens von ihrer Herkunft machten.

Zufälligerweise machte Serotta auf seiner ersten Europa-Tour in Prag die Bekanntschaft einer älteren jüdischen Dame, die dem ahnungslosen Ami aus ihrem Leben berichtete und von Dingen erzählte, die er nicht einmal vom Hörensagen kannte. Wie ein Erdbeben hätten ihn diese Geschichten erschüttert, erinnerte sich Serotta später. Dies sei sein Erweckungserlebnis gewesen, von dem er selbst nicht so genau sagen kann, warum es plötzlich sein gesamtes weiteres Leben von Grund auf verändert hat.

Er wollte mehr wissen. Er wollte immer tiefer eindringen in die Welt der Kaffeehausintellektuellen und der weißbärtigen Rabbiner, in das jüdische Universum aus Gelehrsamkeit und Frömmigkeit, aus dem oft bizarren Gegensatz zwischen Moderne und Tradition. Vor allem aber wollte er den Nachweis liefern, dass sich dort, wo einst jüdisches Leben geblüht hatte, noch immer Reste festkrallten und kleine jüdische Gemeinden im Ostblock um ihr Überleben kämpften. »Natürlich ist der Holocaust ein schwarzes Loch, das alles verschlingt«, sagt Serotta, »aber es hat doch ein Leben davor gegeben, und es gibt auch ein Leben danach.« Fortan war er bemüht, eine Möglichkeit zu finden, den Abgrund dieses Zivilisationsbruches zu überbrücken: »Ich will festhalten, wie die Juden gelebt haben und wie sie heute leben – nicht, wie sie gestorben sind.«

Verwaiste jüdische Gemeinden vom Baltikum bis zum Balkan

Denn erst das möglichst detaillierte Wissen um die vielen Aspekte jüdischen Lebens, um seine Normalität ebenso wie um seine Besonderheit, könne die ganze Dimension des Verlustes offenbaren und zugleich als Basis dienen, auf der die alten Traditionen fortgeführt werden können. Kontinuität, meint Serotta, sei noch immer die beste Antwort der Juden auf die antisemitische Vernichtungswut.

Um seiner Berufung willen gab er seinen Job auf, zog zunächst nach Berlin, später weiter nach Wien und wurde, weil ihm der Umgang mit einer Kamera am einfachsten erschien, Fotograf. Unermüdlich klapperte er in einem sehr gebrauchten Kleinwagen die verwaisten jüdischen Gemeinden vom Baltikum bis zum Balkan ab, besuchte Synagogen, Altersheime, Suppenküchen oder Tora-Schulen, dokumentierte und notierte, was ihm erzählt wurde. Heute verfügt Serotta über ein einzigartiges Archiv mit nahezu 20000 Fotografien aus jenen Jahren. Er schrieb Bücher, gestaltete Ausstellungen, die auch vom Goethe-Institut auf Tournee geschickt wurden, lieferte Fernsehberichte, schnorrte bei philantropischen Stiftungen Hilfsgelder für die verarmten Gemeinden in Osteuropa.

In den ersten Jahren seines Entdeckerlebens schlug er sich mit gelegentlichen Aufträgen jüdischer Organisationen durch sein genügsames Nomadendasein. Das beharrliche Verkaufstalent entwickelte aber rasch einen sechsten Sinn dafür, wo sich Geldquellen befanden, die er für seine Expeditionen anzapfen konnte. Rastlos pendelte er deshalb auch immer häufiger zwischen Osteuropa und den USA – der selbst ernannte Botschafter einer Kette unbekannter Kulturinseln, der auf Vortragsreisen durch die US-Provinz seinem begüterten Publikum in den jüdischen Gemeindeversammlungen die Augen öffnete und mitunter einem großherzigen Gönner auch als Reiseleiter zur Verfügung stand. Im belagerten Sarajevo stellte er die wichtigste Verbindung der jüdischen Hilfsorganisation Benevolencija mit der Außenwelt dar. So genau war nie zu unterscheiden, ob der Mann mit Laptop, Nikon, Stahlhelm und schusssicherer Weste nun als Berichterstatter, Emissär oder Kurier unterwegs war. Er hatte sich in sein Lebensthema verbissen. »Osteuropäische Juden – das ist alles was ich mache«, lautete die lapidare Auskunft, die Edward Serotta auf Fragen nach seinem Beruf zu entlocken war.

Bei den Dreharbeiten zu einem Fernsehbericht stieß der Erinnerungsforscher vor vier Jahren in der kleinen rumänischen Stadt Arad auf eine Schatztruhe, die die jüdische Gemeinde ihre »Bibliothek der verlorenen Bilder« nannte: eine Kiste voller alter Fotografien, die lauter Menschen zeigten, von denen niemand mehr die Namen, geschweige denn ihr Schicksal kannte. Fremd wie die rätselhaften Schriftzeichen einer untergegangenen Kultur blickten Serotta die Gesichter an, als er sie abends in seinem Hotelzimmer mit einem Camcorder für sein Archiv duplizierte. Serotta starrte in die Leere einer Welt, die von Lebewesen bevölkert gewesen sein musste, die scheinbar nur in dem einzigen Augenblick existiert hatten, in dem sie fotografiert worden waren. Sie hatten nichts mitzuteilen, ihr Leben war tatsächlich ausgelöscht worden.

»Das war die Geburtsstunde des Centropa-Projekts«, sagt Edward Serotta. Schnell reifte die Idee, in einer Datenbank die fotografischen Familiendokumente mit den Erinnerungen und Lebensberichten der überlebenden Familienmitglieder zu verknüpfen und all diese Geschichten und Bilder miteinander zu vernetzen. Dadurch, so hofft Serotta, könnte der virtuelle Raum des Cyberspace mit einer Zivilisation besiedelt werden, die über ebenso weit verzweigte Strukturen und grenzüberschreitende Verbindungen verfügt, wie es einstmals das europäische Judentum besaß, und mittels der historischen Tiefe, die weit zurück in das 19. Jahrhundert reicht, einen Bogen in den jüdischen Alltag der Gegenwart spannt.

Mittlerweile hat das Centropa-Institut, gefördert von österreichischen Institutionen und amerikanischen Familienstiftungen, elf Zweigniederlassungen eingerichtet, die zumeist eng an jüdische Gemeinden angebunden sind. Dort stehen Computer und Scanner, Rechercheure schwärmen aus und laden ihre Auskunftspersonen zu Besuchen ein. »Meistens kommen wir an die Fotos nur deshalb heran, weil wir sie an Ort und Stelle digitalisieren«, erzählt Serotta. Für die Überlebenden sind einige wenige Schnappschüsse häufig die einzig verbliebenen Erinnerungsstücke an ihre nächsten Verwandten, der einzige Beweis, dass Kinder, Ehepartner, Geschwister, Eltern oder Großeltern überhaupt existiert haben; alles andere ist verschollen, die Menschen selbst sind vermisst oder verbrannten im Feuer der Krematorien. »Man kann sich gar nicht vorstellen, wie ungeheuer wertvoll diese Fotos für ihre Besitzer sind«, sagt Serotta. Niemals würden diese solche Habseligkeiten des Gedenkens fremden Händen anvertrauen. Oft sitzen dann die alten Leute neben Wundermaschinen, die sie noch nie gesehen haben, und beobachten misstrauisch, wie die jungen Computerzauberer ihre unersetzlichen Kostbarkeiten in elektronische Bausteine verwandeln, aus denen sich das Erinnerungsgebäude von Centropa zusammenpuzzelt.

Es ist ein Haus, dessen Räume die unterschiedlichsten Lebensläufe beherbergen. Manche sind voll friedlicher Gemütlichkeit. Etwa das Andenken an den Onkel der heute 79-jährigen Edith Brickell aus Wien: einen Herrn mit mächtigem weißen Schnurrbart und im bodenlangen Kimono, den er als österreichischer Konsul in Japan trug. Oder ein Bild der beiden Tanten von Venezia Kamhi, das in den zwanziger Jahren im bulgarischen Kiustendil aufgenommen wurde: Die beiden Matronen lagern am Waldrand und tragen traditionelle sephardische Tracht, lange seidenbestickte Roben aus purpurfarbenem Samt.

Andere Biografien verblüffen durch dramatische Wendungen. Unter den vielen Kinderfotos im Centropa-Archiv findet sich auch das runde Mädchengesicht der vierjährigen Basaya Chaika aus Kiew, die neben ihrer Mutter mit großen, verwunderten Augen in die Welt guckt. Als sich zehn Jahre nach dieser Aufnahme die deutsche Wehrmacht der ukrainische Hauptstadt näherte, floh Basaya mit ihrer Familie in eine eisige Stadt im Ural. 1943 kehrte sie in ihre Heimatstadt zurück. Die 16-jährige Schülerin war eine glühende Kommunistin geworden. Sie wurde zur Beisitzerin eines dreiköpfigen Militärtribunals ernannt, das Verräter und Kollaborateure aburteilte. »Ich war radikal und kompromisslos«, erinnert sie sich in ihrem Lebensbericht für das Centropa-Archiv. »Mehr als einmal habe ich ein Todesurteil unterschrieben. Solch eine Verantwortung verändert wirklich den Charakter eines Mädchens. Wenn ich bei einer Tanzveranstaltung auftauchte, flohen die Leute vor mir. Man hat auch versucht, mich umzubringen. Meine arme Mutter hat sich wegen mir die Augen ausgeweint.«

 
  • Quelle (c) DIE ZEIT 05/2003
  • Versenden E-Mail verschicken
  • Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
  • Autoren abonnieren RSS-Feed
  • Artikel Drucken Druckversion | PDF
  • Artikel-Tools präsentiert von:

Service