Stalingrad, das waren Bilder. Bilder von Toten auf den Straßen, in den Häusern, zwischen ausgebrannten Fahrzeugen. "Bilder", erinnert sich der damals 20-jährige Schuhmacher Bertold König, "wie alte Männer, Frauen und Kinder an der Straße stehen und darauf warten, dass Lastwagen kommen, um sie abzutransportieren, heraus aus der Stadt. Da waren sie noch ganz gut beieinander, aber das hat sich später dann geändert. Wir haben dann den Roten Platz hinter uns gelassen und sind bis kurz vor die Wolga gekommen. Da lagen die Russen mit dem Fluss im Rücken. Jetzt waren wir so dicht aufeinander, russische und deutsche Soldaten, dass wir anfingen, uns mit Spaten zu behandeln. Wir sollten das Stück, das noch zwischen uns und der Wolga lag, unbedingt nehmen."

Im Winter 1941 ist der Versuch, die Sowjetunion in einem "Blitzkrieg" niederzuwerfen, gescheitert. Von den drei Millionen Soldaten, mit denen die Wehrmacht angegriffen hatte, sind im März 1942 bereits mehr als eine Million tot, in Gefangenschaft geraten oder gelten als vermisst. Diese Bilanz des Schreckens kann aber weder Hitler noch seinen Generalstab erschrecken. Die Sowjetunion sei in einer weitaus prekäreren Lage, personell und kriegswirtschaftlich schon so zerrüttet, dass allein die eigene Beharrlichkeit den Sieg in greifbare Nähe rücken würde.

Mit dem Sommerfeldzug 1942 hofft Hitler den Kampf im Osten zu entscheiden. Erobert werden sollen in diesem Sommer Stalingrad, die Krim, das Donezbecken und vor allem der Kaukasus und die dahinter liegenden Ölfelder um Maikop, Groznyj und Baku. Der russische Süden ist für Hitler "ein Land, wo Milch und Honig fließt", und seine Küsten sind die kommende Riviera für die deutschen Volksgenossen, inklusive eines Autobahnanschlusses ins Reich. Jetzt aber soll sein Besitz der sowjetischen Kriegsproduktion den Boden entziehen und das Land bei Stalingrad mit der Blockierung der Wolga in zwei Teile spalten. Mit den so gewonnenen Ressourcen, unter denen das Öl ganz an oberster Stelle steht, lasse sich auch der Krieg gegen England und die USA im Westen in einen Sieg verwandeln.

"Es soll hier kein Stein auf dem anderen bleiben"

Die Hauptoffensive, die im Juni begonnen worden ist, hat mit ihren großen Anfangserfolgen Hitler erst in euphorische Stimmung und dann in das von Wutausbrüchen begleitete Gefühl versetzt, Zeit und Öl könnten ihm davonlaufen. Ursprünglich sollten die Heeresgruppe A und die Heeresgruppe B in mehreren aufeinander folgenden Schritten gemeinsam die russischen Truppen zwischen dem Don und Stalingrad vernichten, um dann den Angriff auf den Kaukasus zu beginnen. Davon aber ist am 23. Juli 1942 in einer neuen Weisung Hitlers nicht mehr die Rede. Die für das Vorhaben ohnehin schon schwachen Kräfte werden nun geteilt. Die Heeresgruppe A soll den Kaukasus und die Ölfelder und die Heeresgruppe B, die von der 6. Armee gebildet wird, Stalingrad erobern. Hitler ist nun wieder optimistisch und erklärt seinem Propagandaminister Joseph Goebbels, dass er Stalingrad in wenigen Tagen einnehmen werde.

Am 19. August 1942 schreibt Goebbels über dieses Gespräch in seinem Tagebuch: "Der Führer will in zwei bis drei Tagen den Großangriff gegen Stalingrad starten. Diese Stadt hat er besonders auf die Nummer genommen. Er verfolgt die Absicht, sie restlos zu zertrümmern. Es soll hier kein Stein auf dem anderen bleiben. Es ist aus psychologischen aber auch aus militärischen Gründen notwendig. Die gegen Stalingrad eingesetzten Kräfte werden vorläufigem Ermessen nach genügen, um die Stadt in acht Tagen in unseren Besitz zu bringen. Die Operationen im Kaukasus gehen außerordentlich gut vonstatten. Der Führer will, nachdem Maikop in unserem Besitz ist, noch in diesem Sommer und Herbst Grosnyj und Baku in unseren Besitz bringen: dann ist nicht nur unsere Ölversorgung gesichert, sondern auch die bolschewistische Ölversorgung gänzlich zerschlagen… Aber damit nicht genug. Der Führer verfolgt den gigantischen Plan, beim Erreichen der russischen Grenze in den Nahen Osten vorzubrechen, Kleinasien in unseren Besitz zu bringen, Irak, Iran, Palästina zu überrumpeln und damit England nach dem Verlust der ostasiatischen Ouellen die letzten Ölreserven abzuschneiden."

Während Goebbels dem geopolitischen Größenwahn seines Führers huldigt, muss in diesen Tagen die mit Pferden bespannte Sanitätskompanie des Internisten Jakob Vogt, noch bevor sie die vor Stalingrad liegende Kalmückensteppe zwischen Wolga und Don erreicht hat, die Hälfte ihrer medizinischen Ausrüstung im Südosten der Ukraine in einem Birkenwald vergraben. Die Sommeroffensive der deutschen Wehrmacht hat die Transportwege der 6. Armee hoffnungslos überdehnt. Es fehlt an Pferden, die, wie noch im 19.Jahrhundert, eines der wichtigsten Transportmittel des deutschen Heeres sind. "Es fehlte an allem", erinnert sich Jakob Vogt. "Wagen, Leute, Benzin und auch die Verpflegung wurde lange, bevor wir Stalingrad überhaupt gesehen hatten, auf die Hälfte herabgesetzt. Weil unsere Pferde in den Kochtopf wanderten, wurden sie, wenn es ging, durch Ochsen und Kamele ersetzt. Die ungarische Armee setzte Juden als Zugtiere ein. Dort sah ich, wie sie die Karren und Fuhrwerke ziehen mussten."

"Krach und Feuer, als wenn der Himmel die Erde umpflügt"