Gibt es einen kälteren Platz für die Liebe? Als einen "Platz der Tausend Winde", am äußersten Rande des riesigen Reichs der Mitte, im eisigen Winter?

Wo unter grauem Himmel an granitenen Spielbrettern sich gegenüberstehen: ein Mann, eine Frau, Go spielend. Kein Spiel übrigens der Liebe, sondern der kriegerischen Strategie, falls das denn so weit auseinander liegen sollte.

Gibt es ein älteres Thema?

Man möchte die Chinesin Shan Sa schlitzäugig nennen, so geschickt geht sie vor. Ihr Stoff: bewährt. Die Szenerie: hoch dramatisch, Eis und Blut, ein veritabler Krieg, es sind die vierziger Jahre, und Studenten der Mandschurei revoltieren gegen die japanische Besatzung. Mit flinker Hand arrangiert Shan Sa die Figuren. Ein junges Mädchen, ein einsamer Soldat. Eine Schülerin aus bestem Hause, ihre Familie aus altem Adel der Mandschurei. Und er ein Vertreter der japanischen Samurai. "Zwischen dem Tod und der Feigheit wähle ohne zögern den Tod!", ruft ihm, als er von Tokyo aus in den Krieg zieht, seine Mutter nach, weinend. Als er den ersten Kameraden sterben sieht, ruft er: "Sterben, ist das denn genauso leicht wie Staunen?"

Das Buch wird gleichzeitig, in schnellen Schnitten, von diesen beiden erzählt, deren Lebenskurven also, im Rückblick betrachtet, über Tausende von Kilometern entfernt voneinander, aufsteigen, sich unaufhaltsam, über Raum und über Zeit, aufeinander zubewegen, bis sie sich in einer Kleinstadt der Mandschurei finden, zwischen sich nur das Spielbrett. Um dann gegen Ende ineinander zu kollabieren. Zwei Fremde, einander und uns.

Eine Pubertätsgeschichte, die eines Mädchens, das sich von historischem Lack und Seide befreit und dafür alles riskiert - und hergeben muss. Ein Bildungsroman über einen, der sich aus todestrunkener Ideologie herausquält - aber keinesfalls hin zum Happy End von Hollywood. Furchtlos werden hier Extremsituationen ausgereizt, Revolten und Folterungen, Liebestaumel, Todesqualen.

Die Chinesin Shan Sa ist eine kleine Person, die großen Unternehmungen nicht abhold ist. "Aufgehender Stern Pekings" habe man sie genannt, erzählt sie, als sie ihre ersten Gedichte veröffentlichte, da sei sie elf gewesen. Mit 15 Jahren zum Mitglied des chinesischen Schriftstellerverbandes erwählt! Und wäre ein Jahr später, am 4. Juni 1989, auf dem Platz des Himmlischen Friedens in Peking nicht Krieg ausgebrochen, hätte Shan Sa, Tochter aus gelehrtem Hause, vielleicht als ein über alles leuchtender Fixstern am Firmament der chinesischen Dichtkunst ihren Platz gefunden. Sie emigriert.