Wer Kammermusik für Bläserensembles schon immer so unnötig fand wie Schmelzkäse und Fußgängerzonenskulpturen, sollte sich ein Werk anhören, das Steve Reich vor siebzehn Jahren für elf Klarinetten und Bassklarinetten komponierte und New York Counterpoint nannte. Es ist eine der anregendsten, intelligentesten und sogar erheiterndsten Arten von Musik, die sich denken lässt. Vielleicht auch deshalb (wir wollen nicht gleich alle Vorurteile fahren lassen), weil nur ein einziger Bläser gebraucht wird. Der allerdings elf Stimmen spielt, zehn davon auf Band.

Roland Diry vom Ensemble Modern hat sich perfekt geklont. In Gleichschritt und Staccato kommt uns ein Grüppchen dieser Rohrblasstimmen entgegen und spielt, lauter werdend, eine Folge gleicher Notenwerte, in der sich stufenweise ein Akkord aufbaut und wieder abbaut, während von weiter rechts schon die nächste Gruppe naht. Vergröbernd könnte man den Höreindruck mit dem an einer mäßig befahrenen Straße vergleichen, wo sich das Geräusch einzelner Wagen in Crescendo und Descrendo ablöst und dabei leicht überlappt.

Bei Reich wird neben dieser Straße dann aber noch ein verzwicktes Klarinettenräderwerk errichtet und in den Vordergrund gerückt, während ab und an das Staccatomuster vorbeifährt. Und am Ende gerät man ins Innere einer fröhlichen Maschine, einer Tinguely-Maschine der Töne, die mit sich selbst tanzt. Weil das Kernintervall dabei der (traditionell teuflische) Tritonus ist, raunt der Booklet-Text prompt von Klängen der New York angst - so, als sei Musik aus Manhattan nur noch im Schatten der zwei Türme und ihres Schicksals zu rezipieren und zu verkaufen (RCA Red Seal 74321 66459).

Tatsächlich hat sich Steve Reich auch mit einer WTC-Attacke befasst - dem Bombenattentat 1993, nach dem er die Rufe der Feuerwehrleute aufnahm und als Samples in sein Stück City Life einbaute. Damit beginnt die CD des Ensemble Modern. Die Ruf-"Melodien" der Rettungskräfte werden von Bläsern, Streichern, Klavieren aufgenommen und verschränkt. Doch die bewährte Technik führt hier nicht annähernd zu der Intensität, die Reich damit in Different Trains (1988) erreichte. Die Samples bleiben Trophäen, bestenfalls Intarsien einer Collage von etwas plumpem Pathos.

Stringenter klingt, was Reich in City Life zuvor aus den Rufen eines Straßenverkäufers und einer Demo macht. Doch auch da bleibt der Eindruck raffinierter Oberflächlichkeit. Das Gegenteil ist beim puristischen frühen Reich zu hören. In Violin Phase von 1967 entwickelt ein Geiger mit Tonband mehr als 15 Minuten lang Pattern-Überlagerungen und Phasenverschiebungen. Wer diese aufweichenden Muster auf sich wirken lässt, muss allerdings irgendwann doch an Schmelzkäse denken.