Ich habe einen Traum

Patrick Stewart, 62, wuchs in Yorkshire als Sohn eines Offiziers der britischen Armee auf. Mit zwölf stand er zum ersten Mal auf einer Theaterbühne, von 1966 an spielte er in zahlreichen Aufführungen der Royal Shakespeare Company. Weltberühmt wurde er dann durch seine Rolle als Captain Picard in »Star Trek«, der Nachfolgeserie von »Raumschiff Enterprise«. Der zehnte »Star Trek«-Film lief vorige Woche unter dem Titel »Nemesis« in den deutschen Kinos an. Hier träumt Stewart von seinen liebsten Shakespeare-Rollen – und von der Überwindung seiner Ängstlichkeit von Jörg Böckem

Obwohl es unüblich erscheinen mag, mit 62 Jahren noch von beruflichen Herausforderungen zu träumen – die meisten Menschen denken in dem Alter eher an die Pensionierung und träumen von entspannten Nachmittagen auf der Terrasse oder ausgedehnten Reisen –, richten sich viele meiner Träume auch heute noch auf meine Arbeit. In den vergangenen Jahrzehnten habe ich viel Zeit vor der Kamera verbracht, aber meine Wurzeln liegen im Theater. Ich bin Schauspieler geworden, weil ich auf der Bühne stehen wollte. Aber meine Karriere hat sich durch Zufälle entwickelt, und so fand ich mich irgendwann als Filmschauspieler wieder.

In den letzten Jahren habe ich versucht, meine Zeit ungefähr gleichgewichtig zwischen der Bühne und der Filmarbeit aufzuteilen. Funktioniert hat das nicht – im vergangenen Jahr blieb überhaupt keine Zeit fürs Theater. Deshalb träume ich davon, die Theaterarbeit zu intensivieren.

Es ist lange her, dass ich in London im West End auf der Bühne gestanden habe. Ich lebe in Kalifornien, ich arbeite die meiste Zeit in Nordamerika und habe gelernt, vor der Kamera einen überzeugenden Amerikaner abzugeben. Aber ich bin Brite, und die britische Bühne ist meine Heimat. Ich sehne mich danach, dorthin zurückzukehren. Ich bin wie ausgehungert nach dieser Erfahrung. Vor allem vermisse ich es, vor einem Live-Publikum zu spielen.

Die meisten meiner Traumrollen finden sich in Shakespeare-Stücken. Ich wurde als klassischer Bühnenschauspieler ausgebildet, habe 15 Jahre mit der Royal Shakespeare Company gearbeitet, aber es gibt immer noch einige interessante Rollen, die ich nicht gespielt habe. Und einige davon werde ich wohl auch nie spielen, einfach weil ich zu alt bin. Zum Beispiel wird mich wohl niemand mehr als Romeo oder Hamlet besetzen. Was ich sehr bedaure.

Aber es gibt auch noch Rollen, für die ich im richtigen Alter bin. Oder es zumindest bald sein werde. Macbeth, zum Beispiel. Oder Mark Anton in Cleopatra. Der Jago. Selbst wenn ich mich nur auf Shakespeare-Rollen konzentrieren würde, könnte ich die nächsten Jahre damit füllen. So heißt es zum Beispiel, man solle den König Lear zweimal in seinem Leben spielen. Einmal, wenn man stark genug dazu ist, Cordelia zu tragen, und einmal, wenn man alt genug ist, ungefähr zu begreifen, wie sich ein 80-Jähriger fühlt. Auch da steht mein zweites Mal noch aus.

Die größte Herausforderung allerdings wäre der Falstaff aus Henry IV. Kaum eine Shakespeare-Figur verfügt über solch eine emotionale Bandbreite und Tiefe. Auf den ersten Blick wirkt er wie ein vergnügter dicker Kerl. Hinter der Fassade ist er ambitioniert und grausam, selbstbesessen, selbstmitleidig und zynisch, aber auch sehr komisch. Und vor allem ist er ziemlich feige – eine Eigenschaft, die mir sehr vertraut ist.

Als ich jung war, war ich voller Unsicherheiten, Komplexe und Ängste. Das hat mich lange Jahre sehr behindert. Nicht nur als Mensch, der mit der Welt interagieren muss, auch als Schauspieler. Die Angst hat lange mein Handeln bestimmt, privat und beruflich. Als ich meine Ausbildung beendet hatte, sagte der Dekan meines College: »Patrick, du wirst niemals Erfolg haben, wenn du versuchst, dich gegen das Versagen abzusichern.«

Ich habe das damals zwar verstanden, aber es hat mich 20 Jahre gekostet, es endlich umzusetzen. Noch heute schleicht sich die Angst in meine Träume, dass ich bald für die interessantesten Bühnenrollen zu alt sein könnte oder als Shakespeare-Darsteller in Vergessenheit geraten.

Ich wurde dazu erzogen, Angst zu haben. Ich wuchs in sehr einfachen Verhältnissen auf, in einer Arbeitersiedlung in Yorkshire, umgeben von Gewalt und Armut. Meine Mutter arbeitete in einer Mühle, mein Vater war Oberstabsfeldwebel eines Fallschirmspringer-Regiments der britischen Armee, der höchste Rang, der für einen einfachen Soldaten zu erreichen war. Einer seiner Untergebenen erzählte mir bei seinem Begräbnis: Wenn mein Vater das Exerziergelände betrat, verstummten die Vögel in den Bäumen. Ein außergewöhnlicher Mann, charismatisch, streng und Furcht einflößend. Einer, der über seine Familie herrschte wie über sein Regiment. Ein Mann, der mich tief verunsicherte.

Als junger Mensch scheute ich Auseinandersetzungen, Entscheidungen und Verantwortung. Und als ich mit 19 anfing, meine Haare zu verlieren, wurden meine Unsicherheit und meine Komplexe noch größer. Vor ihnen und vor der Herrschaft meines Vaters, der bedrohlichen, unberechenbaren Atmosphäre zu Hause flüchtete ich auf die Bühne, in immer neue Umgebungen und Charaktere, fand Sicherheit in klar umrissenen Rollen und Szenarien, in denen ich mich ausprobieren konnte. Aber ich habe sehr lange dazu gebraucht, mich von der Angst zu befreien, die in der Kindheit gepflanzt wurde. Sie ist immer noch nicht völlig verschwunden und behindert mich noch heute.

In diesem Frühling habe ich eine Erfahrung gemacht, die das illustriert. Ich habe an einem Autorennen in Kalifornien teilgenommen. Wir waren 16 Fahrer: fünf professionelle Rennfahrer, die anderen Amateure. Ich bin nie zuvor ein Autorennen gefahren, wir trainierten eine Woche lang auf einem Rennkurs in der Wüste, acht Stunden am Tag, Theorie und Praxis. Lernten, welche Kräfte bei welcher Geschwindigkeit wirken und wie man sie kontrollieren kann. Ich habe beim Training viel Spaß gehabt und bin tatsächlich so schnell wie möglich gefahren. Einmal bin ich ins Schleudern geraten und von der Bahn geflogen. Aber es war nur Wüste um mich herum, ich wirbelte viel Staub auf, sonst ist nichts passiert.

In Long Beach allerdings, wo das eigentliche Rennen stattfand, ist die Rennstrecke von Steinen begrenzt. Wenn du von der Bahn kommst, dann war es das. Während des Rennens wurde ich immer nervöser. Ich hatte die Wand schon einmal touchiert, und am Renntag war ich so ängstlich, dass ich mich sehr gezügelt habe.

Obwohl ich nicht Letzter geworden bin – ich kam als Viertletzter von 17 Fahrern ins Ziel –, war ich am Ende sehr frustriert. Denn meine Zurückhaltung hatte mir die Aufregung eines solchen Rennens ziemlich verdorben. Seit dem Tag denke ich viel über meine Ängstlichkeit nach und welchen Spaß ich mir dadurch vorenthalte.

Man mag einwenden, dass die Angst in diesem Fall sehr berechtigt war, vor allem, weil das Rennfahren weder mein Beruf noch mein Hobby ist. Aber andererseits gab es auch andere Anfänger, die sich nicht darum gekümmert haben, was passieren kann. Sie sind einfach gefahren. Und sie hatten definitiv mehr Spaß dabei als ich.

Ich dagegen dachte nur daran, dass ich am nächsten Tag nach Amsterdam fliegen müsste und Interviews geben und dann mit meiner Frau in Urlaub fahren und besser nichts riskieren sollte. Und fuhr immer langsamer.

Angst zu überwinden ist für mich wahrscheinlich die wichtigste Aufgabe im Leben. Frei von Angst zu sein, das ist mein größter Traum. Nicht nur für mein persönliches Leben – Furcht ist das Feuer, das all die politischen Krisen auf der ganzen Welt schürt. Arafat und Scharon haben Angst. Colin Powell und Präsident Bush haben Angst. Angst ist die Basis für Hass, Irrsinn und Rücksichtslosigkeit. Eines der gefährlichsten und einengendsten Dinge im Leben. Solange es uns nicht gelingt, die Furcht aus unserem Leben zu verbannen, die Furcht vor dem Fremden, dem Unverständlichen, Unbekannten, werden wir das Chaos in der Welt nicht beseitigen können.

AUFGEZEICHNET VON JÖRG BÖCKEM
FOTO VON CHON CHOI

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