Alle Jahre wieder, pünktlich zur ersten Schneeschmelze, tritt in Frankfurt am Main eine Jury aus Sprachexperten zur semantischen Spätlese zusammen und "rügt" das Unwort des Jahres. Diesmal, im elften Jahr, hat es das Wort "Ich-AG" erwischt, aber auch "Zellhaufen" und "Ausreisezentrum" für Abschiebelager stehen auf dem Index. In der Hitliste der vergangenen Jahre rangierten "Teuro", "Gotteskrieger", "Gewinnwarnung", "Kollateralschaden" und "Wohlstandsmüll" ganz oben. Auch "Rentnerschwemme" und "Topterroristen" waren sehr unbeliebt. Durch "Unwörter", glaubt die Jury, "werden schwierige soziale Sachverhalte mit sprachlicher Kosmetik schöngeredet". Wer von der Ich-AG spreche, reduziere "menschliche Schicksale auf ein Börsenniveau". So ist es wohl, aber das wussten wir auch schon vorher. Doch Frankfurter Linguisten beschimpfen unschuldige Wörter, obwohl diese bloß die Wahrheit sagen, nichts als die Wahrheit. Denn welches Wort beschreibt unsere schöne brutale Wirtschaftswelt aufrichtiger als "Ich-AG?" Oder "Wohlstandsmüll" für Arbeitslose und Sozialhilfeempfänger? So sind sie, unsere Sprachforscher. Sie prügeln den Esel der Sprache, damit sie den Sack, den er transportiert, gar nicht erst aufschnüren müssen.