Michael Mönningers Artikel über das Verhältnis deutscher und französischer Philosophen (ZEIT Nr. 4/03) geht mit einigen Tatsachen und Jahreszahlen recht frei um und kennt sich überhaupt in (mich betreffenden) Sachen gut aus, von denen ich nichts weiß. So wäre es mir eine große Freude gewesen, Anfang der achtziger Jahre "ganze Wochenenden (mit Jürgen Habermas) Seminare über französische Meisterdenker" abzuhalten

das ist aber leider nicht geschehen. Postmodernismus-Fans haben mir Ähnliches angedichtet, um mich leichter einem bestimmten Überzeugungssystem zuordnen zu können. Die Dichtung erweist mir immerhin die unverdiente Ehre, meine Reserve gegen den Neostrukturalismus in die assoziative Nachbarschaft zu der von Habermas zu bringen, worauf ich stolz bin

doch ist mein Buch früher als das Habermassche erschienen und ganz unabhängig von seinen Gedanken. Selbst beim Suhrkamp Verlag soll ich gegen neostrukturalistische Sekundärliterat(inn)en interveniert haben - ich schwöre aber, dass ich mich im Gegenteil für eine regere Übersetzungstätigkeit an den Hauptschriften Derridas und anderer französischer Philosophen eingesetzt habe (vergeblich). Ich war 1981 auch kein "Düsseldorfer Philosoph", sondern Germanistik-Privatdozent

und nicht in Düsseldorf, sondern in Genf habe ich Was ist Neostrukturalismus?

abgeschlossen. Die viel später (in Conditio moderna) formulierte Kritik an geistfeindlichen Tendenzen des neufranzösischen Denkens betraf nicht wirklich Ähnlichkeiten zum Denken der Konservativen Revolution, sondern (vor allem) zum Stifter des Ausdrucks "Logozentrismus" (Ludwig Klages) - samt dem Nachweis, dass selbst Heidegger, dem Derrida in großer Devotion zugetan ist, mit der Geist-Schelte nichts zu schaffen haben wollte. Meine These war: Über die Schriften der Neostrukturalisten kommt eine Woge nachnietzscheanischer deutscher Voreingenommenheit gegen "die" Rationalität und "die modernen Ideen" ins Heimatland zurück, die nach der Stunde null daselbst gut verdrängt war und nun, weil durch die Hände der Franzosen gegangen, vom üblen Stallgeruch geläutert schien. Auch muss ich auf den Ruhm verzichten, den Neostrukturalismus "aus den Quellen der deutschen Romantik" abgeleitet zu haben, die ich liebe und schätze, während ich den Neostrukturalismus für eine rasch verblassende Mode hielt, die eher eine (wie Boris Becker sagen würde) "mentale Krise" ihrer Rezipient(inn)en sichtbar machte. Was die Frühromantik betrifft, so meine ich, dass die "neueren Franzosen" viele Fehler und Einseitigkeiten hätten vermeiden können, wenn sie, statt in der nachnietzscheanischen, sich in der frühromantischen Überzeugungsmasse auskennen würden. Und nicht nur mit Idealismus-Forschung beschäftige ich mich, sondern mit einem nach neufranzösischer Überzeugung gar nicht Existierenden: dem Subjekt. Die aktuelle Bewusstseinstheorie hat das in Frankreich Totgesagte nämlich fest im Blick, vor allem in den angelsächsischen Ländern, die viele vom Naziterror verjagte deutschsprachige Philosophen aufgenommen haben. Das sind wahrlich nicht die deutschen Quellen, aus denen sich der Neostrukturalismus speist.