Anders als Schach beginnt das chinesische Spiel Go auf einem leeren Brett ohne das uns vertraute symmetrische Muster hierarchisch angeordneter Spielfiguren. Besetzt werden keine Felder, sondern Verbindungslinien.

Wichtiger als das Einkassieren gegnerischer Spielsteine oder der finale Zugriff auf ein geschütztes Zentrum ist die Kontrolle der Ränder und Ecken.

Klare Fronten verschwinden zugunsten eines Kampffeldes, auf dem sich überall Entscheidendes ereignen kann. Es sind Spiele wie Go, die seit einiger Zeit nicht nur die Vorstellungskraft amerikanischer Verteidigungsplaner beflügeln.

Auch der Soziologe Ulrich Beck sieht, dass die Metapher des Schachspiels in die Irre führt, wenn man heute über die Wege nachdenken will, auf denen politische Macht gewonnen und verloren wird.

Hellsichtig registriert Beck in seinem neuen Buch Macht und Gegenmacht die Herausforderungen der ostasiatischen Moderne, die Veränderungen auf dem afrikanischen Kontinent, die Strategien von Schurkenstaaten, Steuerparadiesen und Hegemonialmächten im neuen weltpolitischen Spiel. Vor allem beobachtet er einen Gestaltwandel des Politischen, eine Vielzahl unvertrauter Akteure und Arenen - von der Welthandelsorganisation über kommunikationsstarke Menschenrechtsgruppen bis hin zu islamistischen Terrorzellen. Oft kennen wir nur die Buchstabensuppe ihrer Abkürzungen, da wir für die neuen Spieler noch keine angemessenen Begriffe haben. Noch immer sind wir in den Kategorien des europäischen Nationalstaats befangen, ohne zu verstehen, dass der mediale Rechtspopulismus, global agierende NGOs oder supranationale Institutionen Symptome eines Wandels sind, in dem sich Spieler und Felder, Regeln und Einsätze der Politik gleichermaßen verändern. Alle Welt tut so, als würde weiterhin Schach gespielt, während uns in Wirklichkeit das Spielfeld unter den Füßen weggezogen wird und die alten Spielfiguren zu tanzen beginnen. Beck möchte uns etwas von der Melodie vorspielen, die die politischen Verhältnisse zum Tanzen bringt.

Der Frosch heißt Globalisierung

Auffällig im Vergleich zu früheren Schriften Becks ist dabei die Wiederkehr von Themen der klassischen Politik. Machiavelli und Hobbes werden von einem Autor bemüht, der das Geschichtszeichen des 11. September verstanden hat.