Der Kampf gegen die Zeit ist unerbittlich. Wie schnell gehen doch die Jahrzehnte ins Land! Die bange Frage, die mich seit langem umtreibt: Wird die Redaktion des Idiotikons ihren Zeitplan einhalten können? Noch stimmt er. Einigermaßen. Denn als ich Ende 1992 die Wörtersammler-Truppe getroffen hatte, hieß die Prognose: In weniger als dreißig Jahren. Heute wollen Chefredakteur Peter Ott und seine Kollegen in weniger als zwanzig Jahren fertig sein. Es könnte klappen.Damals, bei meinem ersten Besuch, arbeiteten die Mundartler gerade am Buchstaben W, waren mit dem Wort "waggele" beschäftigt, was "hin- und herbewegen" heißt, hatten die 193. Lieferung mit den Spalten 513-640 (des 15. Bandes) veröffentlicht und bis dahin insgesamt 90 000 Schreibmaschinenseiten wissenschaftlichen Texts publiziert.Jedes Mal, wenn Stunden-, Tages oder Wochenhektik mich aufzufressen drohen, denke ich an die Zürcher Wörtersammler und ihre Publikationskadenz. Ich erkundige mich nach dem Stand der Dinge. Jahr für Jahr ein Band, erfahre ich. Seit 141 Jahren ins selbe Werk vertieft. Das ist Balsam für das Gemüt eines Journalisten. Jede Hektik wird da zur eigenen Satire.Allein mit dem Anfangsbuchstaben "W" haben sich die Kollegen in Zürich über ein Jahrzehnt lang herumgeschlagen. 2000 haben sie immerhin mit der 202. Lieferung den 15. Band abgeschlossen. Mit dem Stichwort: "wumslen". Dann ging's weiter mit W. im 16. Band. Der 16. Band wird Ende des Jahrzehnts fertig sein. 17 sollen es werden. .Würde an der Adresse "Auf der Mauer 5" Stress einkehren, es bräche eine Welt in mir zusammen. Andererseits freue ich mich, Jahr für Jahr festzustellen, dass die sechs Redakteure und drei studentischen Hilfskräfte erneut vorangekommen sind. .Die Gründer des Projekts hatten sich noch zu viel vorgenommen. Sie waren 1862 angetreten, das Idiotikon innert zwanzig Jahren fertig zu machen. Ihre Todesanzeigen sind in die Lexikonspalten eingereiht: "Hier hörte Prof. Dr. Albert Bachmann auf zu wirken. Bei der Durchsicht der letzten Artikel stand er bereits in schwerem Kampf mit seinem Leiden." Bachmann starb zwischen "Spri" (Spiritus, Schnaps) und "Sprach" (Sprache), Idiotikon X, Spalte 717/718. .Bevor die Chefredakteure selbst das Zeitliche segneten, rechneten sie mit anderen Toten: den schweizerdeutschen Mundarten. Statt Mundart-Slang waren damals neuhochdeutsche Floskeln trendig. Die Philologen beschäftigten sich mit dem unaufhaltsamen Untergang der Mundarten. Im Aufruf von 1862 zur "Sammlung eines Schweizerdeutschen Wörterbuchs" stellte der erste Chefredaktor, Friedrich Staub, als eine "ebenso unläugbare als wehmütig stimmende Thatsache" fest, dass "unsere nationalen Eigenthümlichkeiten" dem verschleifenden Zuge der Zeit anheimfallen. .Die Schweiz hatte gerade den zivilisatorischen Turbo eingeschaltet und innerhalb von sieben Jahren ihr Eisenbahnnetz von 26 auf 1053 Kilometer vervierzigfacht. Nach den Studierten probierte auch das Volk mit bis dahin höchstens geschriebenem Neuhochdeutsch sein "Züridütsch" zu veredeln oder seinen Innerschweizer Dialekt. .Staub beklagte den Verfall, in "dieser Zeit, wo Alles hastig auf Schienen rollt, wo, was der Herrgott durch Berg und Thal getrennt hatte, von Menschenwitz zusammengewürfelt wird". Den Vorwurf, die Mundart sei niedrig und roh, konterte Staub mit Würde: "Unsere Sprache, das sind wir selber, und wer wollte sagen, es sei ein rohes Volk, das auf den Zinnen Europas wohnt." So arbeiten sie denn heute noch an ihrer sprachlichen Identität. .Ungeduldig erwarte ich das Ende, das gleichzeitig der Startschuss sein wird, um wieder von vorne zu beginnen - die ersten Bände bedürfen der Aktualisierung. Die Arbeit, sagt Ott, der Chef, der den vorläufigen Abschluss im Ruhestand erleben wird, sei ab und an "etwas trocken". Das Rascheln der Zettel sei oft das einzige Geräusch, das während eines ganzen Nachmittags an die Ohren dringe. Deswegen sei das tägliche Kaffeekränzchen auch besonders wichtig. Zur Auflockerung. Damit man nicht die Geduld verliert. Ott selbst pflegt seine Arbeit mit derjenigen eines Detektivs zu vergleichen. Bisweilen sei sie so spannend, dass er schon um ein Haar das Mittagessen vergessen habe.