Ein Jude wird nach vielen Jahren auf einer einsamen Insel von einem vorbeikommenden Schiff entdeckt. Er zeigt seinen Rettern stolz, wie gut er sich eingerichtet hatte. "Beeindruckend", sagen die Seeleute, "aber warum haben Sie für sich allein zwei Synagogen gebaut?" "Nun, in der einen bete ich, und in die andere würde ich niemals einen Fuß setzen."

Uneinigkeit über die richtige Auslegung religiöser Regeln und Riten gehört zum Wesen des Judentums. Deshalb passt dieser alte jüdische Witz zu den jüngsten Querelen in der deutschen jüdischen Gemeinschaft. Mit wachsender Verbitterung kritisiert die Union progressiver Juden in Deutschland, zu der sich 14 liberale Reformgemeinden zusammengeschlossen haben, die Monopolstellung des Zentralrats der Juden in Deutschland. Er werde von Orthodoxen dominiert, die ihren Alleinvertretungsanspruch mit diskriminierenden Methoden gegen moderner denkende Juden durchzusetzen versuchten.

Ein Politikum ist dieser innerjüdische Familienstreit spätestens seit vorigem November. Da kündigten Bundesregierung und Zentralrat an, das Verhältnis zwischen dem Bund und den jüdischen Gemeinden mit einem Staatsvertrag zu regeln. Wichtigstes Ergebnis soll die Verdreifachung der Bundesmittel zur Förderung jüdischer Einrichtungen sowie sozialer und kultureller Aktivitäten auf jährlich 3 Millionen Euro sein. Die liberale Union verlangte, in diesem Abkommen ausdrücklich als Empfänger von Fördergeldern berücksichtigt zu werden. Der Zentralrat blieb unnachgiebig. Er sei die politische Interessenvertretung aller Jüdischen Gemeinden, bekräftigte sein Vorsitzender Paul Spiegel vorige Woche in der Jüdischen Allgemeinen. Die Bundesregierung sei deshalb "gut beraten, sich auf diesen einen Gesprächspartner zu verlassen".

Nun wird das Vertragswerk bereits am 27. Januar, zum Holocaust-Gedenktag, unterschrieben. Entgegen früheren Ankündigungen von Innenminister Otto Schily werden die Liberalen darin nicht erwähnt. Die Regierung begnügt sich mit der Zusicherung des Zentralrats, die Ansprüche aller Gruppen sicherzustellen – ein Versprechen, dem die Liberalen aufgrund bisheriger schlechter Erfahrungen nicht trauen. Doch Michel Friedman, Spiegels Stellvertreter, weist solche Befürchtungen zurück. Der Staatsvertrag halte ausdrücklich fest, dass der Zentralrat alle religiösen Richtungen repräsentiere. Voraussetzung sei freilich, dass es sich zweifelsfrei um einen Juden handele. Das heißt: Er oder sie muss von einer jüdischen Mutter geboren oder vor einem regulären Rabbinergericht übergetreten sein. Um dem wachsenden Pluralismus, den Friedman als eine Dynamisierung des religiösen Lebens begrüßt, gerecht zu werden, habe der Zentralrat neben einem orthodoxen auch ein liberales Rabbinergericht etabliert. Schon im Mai kann der Zentralrat seinen guten Willen beweisen. Dann will er nach Zusicherung Spiegels über den Antrag des kürzlich gegründeten niedersächsischen liberalen Landesverbandes entscheiden, neben dem anerkannten orthodoxen Verband in den Zentralrat aufgenommen zu werden.

Mit dem Abschluss des Staatsvertrags reagiert der Bund auf die enorm angewachsene Zahl der Juden in Deutschland – hauptsächlich durch die Einwanderung aus der ehemaligen Sowjetunion. Zählten die Gemeinden 1990 noch 28000 Mitglieder, sind es heute fast 100000. Dieser Migrationsschub beginnt die etablierten Strukturen des deutschen Judentums zu verändern. Die erste Generation nach 1945 – hauptsächlich "Displaced Persons" aus Osteuropa, die überlebt hatten – war in ihrer Mehrheit orthodox orientiert. Diese Gruppe etablierte das Prinzip der Einheitsgemeinde – als Schutz- und Trutzgemeinschaft gegen eine als bedrohlich erlebte Umwelt. Mit der Einwanderung kommen nun Juden hinzu, die mit dieser spezifisch deutschen Situation nichts anfangen können, denen strenge religiöse Vorschriften fremd oder die ganz ohne religiösen Hintergrund sind. "Das bedeutet eine kaum noch zu bewältigende Belastung für die innere Einheit der Gemeinden", erläutert Salomon Korn, Präsidiumsmitglied des Zentralrats. Das Problem sei nur zu bewältigen, wenn es gelinge, "unterschiedliche religiöse Anschauungen unter einem weit gespannten Gemeindedach zu vereinigen".

Tatsächlich ist das Problem komplexer, als es "orthodox versus liberal" suggeriert. In Berlin und Frankfurt entfaltet sich die Vielfalt in der Einheitsgemeinde eher reibungslos. In Berlin gibt es sechs Synagogen mit unterschiedlichen liturgischen Praktiken. Was sind da eigentlich die Unterschiede? "Ich, zum Beispiel", sagt Avitall Gerstetter, die bisher einzige Kantorin in Deutschland. Gerstetter singt im "egalitären" Gottesdienst im Centrum Judaicum in der Oranienburger Straße vor, und die Gemeinde darf die Psalmen im Chor wiederholen. Frauen und Männer sitzen und beten hier zusammen; das ist im orthodoxen Ritus nicht erlaubt. Die Gebetstexte werden behutsam "modernisiert", wenn es etwa um die Gleichstellung der Geschlechter geht. Beim gemäßigt liberalen Gottesdienst in der Synagoge Pestalozzistraße wird auch Orgelmusik eingesetzt – was orthodoxe Juden als "gojisch"-christlich ablehnen.

In anderen Städten sind die Fronten hingegen heillos verhärtet. Etwa in München, wo die Offiziellen dem liberalen Konkurrenten Beth Schalom absprechen, eine genuin jüdische Vereinigung zu sein – es handele sich eher um eine Art "christlich-jüdischen Kulturverein". Den Verdacht, sie nähmen es mit der Feststellung der jüdischen Herkunft ihrer Mitglieder nicht so genau, weisen die Liberalen jedoch empört zurück. Allerdings wollten sie Interessenten nicht durch autoritäre Rituale abschrecken, etwa indem man Juden, die in Mischehen leben, als Gemeindemitglieder zweiter Klasse behandele.

In den jüdischen Gemeinden vollzieht sich ein ähnlicher Transformationsprozess wie in der gesamten deutschen Gesellschaft: Überkommene Strukturen müssen sich auf rapide gewandelte Verhältnisse einstellen. Salomon Korn rät den Liberalen daher zu mehr Geduld. Der neue Pluralismus müsse von alteingesessenen Gemeinden erst noch eingeübt werden. Das liberale Reformjudentum entstand im 19. Jahrhundert in Deutschland und war hier bis 1933 die stärkste jüdische Glaubensströmung. Nach dem Holocaust betrachteten die Überlebenden dieses Projekt der Öffnung gegenüber der deutschen Gesellschaft als verhängnisvollen historischen Irrweg. Jetzt kehrt das Reformjudentum über den Umweg aus Israel und Amerika zurück – und erfreut sich regen Zulaufs. Damit beginnt eine ganz neue Geschichte.