Saddam hat nur einen knappen Aufschub erhalten – und Europa auch. Am Sonntag schien Außenminister Powell die Kriegsmaschinerie vom Autopiloten zu nehmen: "Die USA wollen sich nicht in den Krieg stürzen." Doch im Bericht zur Lage der Nation eskalierte George Bush den Nervenkrieg. Schon am 5. Februar will er den UN-Sicherheitsrat zusammenrufen, wo Powell "Beweise für das illegale Waffenprogramm" des Irak vorlegen werde. "Wir werden konsultieren, doch wenn Saddam sich nicht selbst entwaffnet, werden wir eine Koalition anführen, die es für ihn tut."

Bedeutsamer war indes das Nichtgesagte: kein Wort zur Verlängerung der Inspektionen, kein Ja, aber auch kein Nein; also könnte die Automatik des Krieges noch Verzögerungsmomente enthalten. Mag sein, dass der Aufmarsch nicht vollendet, die Nation noch nicht überzeugt ist – vom Sicherheitsrat ganz zu schweigen. Mithin bleibt eine letzte Denk- und Diplomatiepause. Zumal die Atlantik-Anrainer, einst fest verschweißte Partner, können in den nächsten Wochen ihr verhunztes Verhältnis neu sortieren – ohne jene hochfahrenden Gesten, die nicht nur dem Don Rumsfeld anzukreiden sind.

Abrüstung per Simsalabim

Beginnen wir aber mit Saddam und dem dürren Fazit der UN-Inspektorenkompanie: Bagdad "hat anscheinend noch immer nicht die geforderte Abrüstung akzeptiert". Man darf es beim Anblick der besenreinen Anlagen etwas sarkastischer ausdrücken. Hat Saddam nur noch Kunstdünger und Insektizide produziert, seitdem er 1998 die UN aus dem Land warf? Und wo ist das Zeug, das seinerzeit bekannt war? Tausende von Litern Anthrax und Botulin, drei Tonnen Nährlösung, 30000 Munitionshülsen, die C-Ladungen tragen können?

Powell hat Recht: "So sieht echte Entwaffnung nicht aus." Er verweist auf die nukleare Abrüstung Südafrikas, Kasachstans und der Ukraine. Das Geheimprogramm Pretorias wurde offen gelegt, die sieben Atombomben sichtbar verschrottet. Dito die beiden Ex-Sowjetrepubliken, die ihre Sprengköpfe nach Russland zurückschickten, ihre Raketensilos zubetonierten. Angesichts der mageren, aber nicht unbedeutenden Funde in einem Land, das größer ist als Deutschland, darf man es den Amerikanern nicht verdenken, wenn sie nun die Beweislast umkehren. Saddam muss zeigen, was er hat oder zerstört hat. Hierzulande wurde Weltkrieg-I-Senfgas Tropfen um Tropfen verbrannt, jahrzehntelang. Und Saddam will das per Simsalabim getan haben – spurenlos?

Will er seine letzte Chance nutzen, muss er die Bilanzen offen legen. Denn auf die Unschuldsvermutung darf keiner zählen, dessen Kerbholz so lang ist wie Saddams: zwei Angriffskriege, Giftgasattacken auf die Kurden und Iraner, Tod und Terror gegen Abertausende im eigenen Land. Er sollte sich aber auch nicht auf Berlin und Paris verlassen dürfen, die mit ihrem schroffen Nein (Schröder) oder schlüpfrigen non (Chirac) eine Bresche in die Druck-Kulisse geschlagen haben.

Von den Franzosen, die in diesen Tagen ihren Flugzeugträger Charles de Gaulle golfwärts entsenden, dürfen wir annehmen, dass sie spätestens dann in den Krieg eingreifen, wenn die ersten Marschflugkörper in die Bunker der Republikanergarde einschlagen. La grande nation, die seit 1781 an Amerikas Seite kämpft, wird wenigstens symbolisch mitschießen, um bei der Nachkriegsordnung mitreden zu können. C’est la vie.

Schröders Irak-Politik aber wird kaum in die Lehrbücher der Diplomatie eingehen. Dass er mit seinem "Abenteuer"-Wahlkampf im Sommer die Umfragen drehen konnte, mag man noch als wohlkalkulierte Taktik abheften. Dass er aber im Landtagswahlkampf den Wiederholungstäter gibt (Nein zu Intervention und Kriegsresolution), muss Bismarck und Stresemann im Grabe rotieren lassen. Doch ist Außenpolitik mit zwei linken Händen nicht der gröbste Kunstfehler. Denn der Kanzler muss sich fragen lassen, wohin er will.