Genau vor 70 Jahren, am 30. Januar 1933, ernannte Reichspräsident Paul von Hindenburg Adolf Hitler zum Reichskanzler – der Weg in Diktatur und Krieg und Völkermord war frei.
Man hat viele Gründe für das Scheitern der Weimarer Republik genannt. Oft werden der Versailler Vertrag und die Wirtschaftskrise samt der hohen Arbeitslosigkeit dafür verantwortlich gemacht.
Doch entscheidend war etwas anderes. Zu viele Deutsche wollten keine Demokratie; vor allem die konservativen Eliten verfolgten den neuen Staat mit unerbittlichem Hass.
Die Erinnerungen Ferdinand Friedensburgs an seinen "Dienstantritt in Ostpreußen" 1921, die wir hier leicht gekürzt abdrucken, berichten davon – ein eindrucksvolles Dokument, nicht ohne bitter-groteske Komik

Am 12. Januar 1921 traf ich abends um neun Uhr mit einem Personenzug auf der Nebenbahnstrecke Marienburg–Deutsch-Eylau in Rosenberg [heute: Susz] ein. Der offene, verschneite, von einigen Gaslampen spärlich erleuchtete Bahnsteig schien leer, doch löste sich aus dem Dunkel des Stationsgebäudes eine umfangreiche Gestalt, musterte die Handvoll Ausgestiegener und ging mir mit raschen Schritten entgegen. In korrekter Haltung des alten Unteroffiziers meldete sich der Fremde: "Kreisobersekretär Oehlschläger zum Empfang des Herrn Landrats!" Ich verbarg meine Überraschung, daß er allein kam, schüttelte ihm die Hand und ging mit ihm durch die Sperre auf die halbdunkle Bahnhofsstraße, auf der einsam ein Mietauto stand, wie sich herausstellte, das einzige Auto des Ortes. "Nanu", fragte ich nun doch, "wo ist denn das Auto der Kreisverwaltung?" – "Das ist nicht verfügbar", erwiderte Oehlschläger mit unverkennbarer Verlegenheit. Meine Frage "Warum denn nicht?" erhielt den ominösen Bescheid: "Herr Landrat werden ja morgen früh sehen!"

Ich wollte mich mit dem mir noch fremden Untergebenen, noch dazu auf der Straße, nicht in lange Erörterungen einlassen. Wir bestiegen das holperige Gefährt und fuhren zum Hotel Lehmann, dem einzigen Gasthof der kleinen Kreisstadt, wo ich vorläufig Quartier nehmen sollte. Schon am Eingang scholl mir Geschrei entgegen, und es begegneten mir kräftige rotwangige Leute, die sich lebhaft unterhielten. Durch den offenen Saaleingang sah man eine sich auflösende Versammlung. Zwischen den erregt miteinander weiterdiskutierenden Leuten erkannte ich im Zigarrenrauch ein aus den Zeitungen bekanntes Gesicht, das des alten "Januschauer", des Kammerherrn v. Oldenburg, der zwei Güter im Kreise besaß und dort auch wohnte. Er war berühmt geworden durch seinen Ausspruch, die Disziplin in der Armee müsse so zuverlässig sein, daß jederzeit ein Leutnant und zehn Mann genügten, um den Reichstag auseinanderzujagen. Jetzt blickte er vergnügt und anscheinend siegesbewußt um sich; offenbar hatte er erreicht, was er wollte. Ich fragte den Kellner, der mich in mein Zimmer führte, was hier denn los sei. Er antwortete gleichmütig: "Ach, das sind die Landwirte. Die protestieren nur gegen den neuen Landrat!"

Oben in meinem Zimmer konnte ich über diese ersten Eindrücke nachdenken, und erst jetzt dämmerte in mir die Ahnung auf, daß ich stürmischen Zeiten entgegengehen würde. Als man mir mit überraschender Kühnheit die Verwaltung eines ostpreußischen Kreises, eben des Kreises Rosenberg, übertragen hatte, bestanden die einzigen schweren Aufgaben, die mir angekündigt wurden, einmal in der Elektrifizierung des Kreises, die auf Grund der Kriegsfolgen in den Anfängen steckengeblieben war, und zum anderen in der im Versailler Friedensvertrag vorgesehenen und bald bevorstehenden Regulierung der nicht weniger als 100 Kilometer messenden neuen Grenze gegenüber Polen. Über meinen Vorgänger in der Verwaltung des Kreises, einen Regierungsrat v. Versen, hatte ich sich widersprechende Urteile gehört. Seine Abberufung sei erfolgt, wie man mir im Ministerium sagte, weil er mit dem Elektrizitätsproblem nicht fertig wurde; politisch gehe er ganz mit den Vertretern des Großgrundbesitzes zusammen. Von diesen sprach man wie von einer gegnerischen Macht. Die nutzbare Bodenfläche des rein landwirtschaftlichen Kreises mit seinen rund tausend Quadratkilometern befand sich zu zwei Dritteln in Händen des Großgrundbesitzes, und an ihrer Spitze stand außer der formidablen Figur des Elard v. Oldenburg auf Januschau eine Reihe adeliger Herren, die gewohnt waren, daß der Landrat aus ihren Kreisen kam.

Die Schreibtische sind leer, die Stühle hochgestellt

Da ich der erste nichtadelige Landrat war, noch dazu nicht aus dem Kreis stammte und einer Partei [der Deutschen Demokratischen Partei] angehörte, die links von den Konservativen stand, also nach Ansicht des Landadels nicht viel anders zu beurteilen war als die Kommunisten, war ich darauf gefaßt, von einem Teil der Bevölkerung nicht gerade begeistert begrüßt zu werden. Aber auf offenen Widerstand war ich weder vom Ministerium in Berlin noch vom Oberpräsidium in Königsberg vorbereitet worden. Offen gestanden, hatte ich mir mit meinen vierunddreißig Jahren auch keine allzu ernsten Sorgen gemacht.

Ich wurde eines Besseren, oder sagen wir, eines Schlechteren belehrt. Am Morgen nach meiner Ankunft ging ich zu Fuß durch das freundliche Städtchen, das mit seinen 3500 Einwohnern eher ein großes Dorf war, und fand im Landratsamt, einem schmucklosen Gebäude am Marktplatz, wohl meinen Freund vom Vorabend, Herrn Oehlschläger, in seinem Arbeitszimmer vor und vier Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen der staatlichen Abteilung der Kreisverwaltung. Man muß wissen, daß der Landrat eine Doppelfunktion besaß; er war als commissarius regius Vertreter der Staatsregierung und verfügte in dieser Eigenschaft über ein besonderes kleines Büro. Hier war denn auch alles in Ordnung. Aber in seinem zweiten Gebiet, der kommunalen Selbstverwaltung des Kreises, vergleichbar der Verwaltung einer größeren Stadt, stand dem Landrat ein erheblicher bürokratischer Apparat mit etwa 40Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen zur Seite; hier regierte er, wie ein Oberbürgermeister mit seinem Magistrat, als Vorsitzender eines sechsköpfigen Kollegiums, des Kreisausschusses, auf dessen zustimmenden Beschluß er in allen wichtigen Fragen angewiesen war. Als ich die sogenannten Kreisaussschußräume betrat, fand ich eine gespenstische Öde vor. Mit Ausnahme eines einzigen Schreibtisches, an dem ein verdrossener, unschlüssig aussehender älterer Herr saß, waren alle Arbeitsplätze unbesetzt. Die Schreibtische waren leergeräumt, die Stühle übereinander gestellt, eine Kreisverwaltung gab es nicht mehr.

Oehlschläger, dessen Zuständigkeit mit den staatlichen Räumen ein Ende gefunden hatte, war mir auf meine Bitte, wenn auch in offensichtlicher Verlegenheit, gefolgt. "Ich würde empfehlen, jetzt das Landratszimmer aufzusuchen", bemerkte er in beherrschtem Ton. Ich ging in den preußisch-schmucklosen Raum und fand auf dem Schreibtisch eine wohlgeordnete Anzahl von offen ausgebreiteten Dokumenten. Als ich das erste aufnahm, las ich das Protokoll: "Der Kreisausschuß hat in seiner Sitzung vom 10. Januar beschlossen, die Beamten und Angestellten des Kreisausschusses bis auf weiteres zu beurlauben." – "Der Kreisausschuß hat … beschlossen, das Kreisauto zu verkaufen und es bis dahin unter Verschluß zu halten." – "Der Kreisausschuß hat … beschlossen, die Dienstwohnung des Landrats in dem dem Kreis gehörigen Hof Rosenberg für den Preis von 400 Mark jährlich Herrn Regierungsrat v. Versen unabhängig von seiner dienstlichen Verwendung zunächst bis zum 1. Oktober zu vermieten."– "Der Kreisausschuß hat dem sofortigen Ausscheiden des Kreischauffeurs Grablowski aus dem Kreisdienst zugestimmt." Wie ich bald erfuhr, hatte ihn mein Vorgänger in seinen persönlichen Dienst übernommen, nicht ohne ihm sein Gehalt aus der Kreiskasse auf drei Monate im voraus zu zahlen!