Vom ersten Tag an werden sie gedrillt, alte und chronisch Kranke abzuwimmeln, denn die machen zu viel Arbeit. Stattdessen sollen sie Privatpatienten teure Therapien aufschwatzen und sie mit High-Tech-Methoden behandeln, denn das bringt am meisten Geld. In seinem Roman The House of God beschreibt der US-Autor Samuel Shem junge Mediziner, die ihren Dienst im Krankenhaus voller Ideale antreten und dann an der Realität verzweifeln. In Amerika ist das Buch ein Bestseller.

Auch in Deutschland verkaufen sich Arztromane gut. Allerdings vermitteln sie ein anderes Bild: Helden in Hemden opfern sich auf für die Gesundheit ihrer Patienten. Dass sie ihre knappe Freizeit in schönen Landhäusern und schnellen Autos verbringen, erscheint nur als gerechter Lohn.

Glaubt man Deutschlands Ärzten, ist der Wohlstand der Wohltäter längst Vergangenheit. Jede dritte Arztpraxis arbeite hart am wirtschaftlichen Abgrund, warnte die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) schon vor einem Jahr. Und jetzt hat Gesundheitsministerin Ulla Schmidt den Medizinern für 2003 auch noch eine Nullrunde verordnet. Dabei habe in Westdeutschland das untere Drittel der Allgemeinmediziner schon heute im Schnitt nur 1600 Euro pro Monat zur privaten Verfügung, so das Forschungsinstitut der KBV. Chirurgen und Hautärzte und ostdeutsche Mediziner sämtlicher Fachrichtungen blieben oft noch geringere Nettoeinkommen.

Kein Wunder, dass Ulla Schmidt wütende Proteste erntete. Streiken dürfen Ärzte nicht, weshalb Zehntausende von ihnen seit einer Woche "Dienst nach Vorschrift" schieben und nur das Notwendigste behandeln. Mancher Mediziner erklärte den Mittwoch gar zum "Fortbildungstag" und ließ seine Praxis ganz geschlossen. "Für begrenztes Geld kann es nur begrenzte Leistung geben", feuerte KBV-Chef Manfred Richter-Reichhelm seine Kollegen an.

Zu Recht? Sind die Ärzte der Republik in Wahrheit Großverdiener, die ihre Patienten austricksen wie in dem amerikanischen Roman? Oder wird ihnen der Dienst am Menschen wirklich nur mit Niedrigeinkommen gedankt? Und wenn ja, wer ist schuld daran?

Tatsache ist: Zahlreiche Ärzte in Deutschland haben keine Reichtümer auf dem Konto, wenn sie vom monatlichen Kassen-Honorar die Personal- und Praxiskosten abziehen. Allerdings leben die meisten nicht allein davon. Sie beziehen auch Privathonorare. In einem Gesundheitssystem, das Besserverdienenden den Ausstieg aus der gesetzlichen Krankenkasse erlaubt und alle Beamten separat absichert, ergibt sich so ein Zubrot von 20 oder 30 Prozent (siehe Grafik).

Und dann sind da noch die Barzahler. Menschen, die sich eine kleinere Nase, einen größeren Busen wünschen oder sich das Tattoo mit den Initialen der Verflossenen entfernen lassen wollen. Gerade bei Dermatologen und Chirurgen, wo die gesetzlichen Kassen vieles aussortieren, was nach "Kosmetik" aussieht, sorgen solche Klienten für finanziellen Ausgleich. Der Hamburger Schönheitschirurg Thomas Jansen etwa, dessen Klinik im feinen Stadtteil Pöseldorf bis Juni ausgebucht ist, sagt: "Wir haben mit Krankenkassen wenig zu tun."

Anders die Mediziner in Deutschlands Osten. Für künstliche Körperteile hat dort kaum jemand Geld. Die wenigsten Patienten sind privat versichert, und die gesetzliche Krankenkasse zahlt Ärzten nur 77 Prozent des Westhonorars. Begründung: die niedrigeren Löhne und Mieten.