Einerseits ist es zu früh, um über den "day after" nachzudenken, zu viele Unwägbarkeiten sind mit einer "vorbeugenden Intervention" im Irak verbunden. Andererseits ist es höchste Zeit, viel zu lange schon fehlt es an einer Debatte, die das deutsche "Nein" in den internationalen Kontext eingebettet hätte. So nahm sich der Berliner Weg in dieser Streitfrage stets widersprüchlich aus, zufällig, von innenpolitischen Hintergedanken beherrscht und nie beherzt offensiv.

Das deutsch-amerikanische Verhältnis ist eine Sache. Noch immer wirbelt die Methode Schröder viel Staub auf. Dass aber nicht nur die deutsch-amerikanischen Beziehungen, sondern vor allem das Verhältnis von Europa und Amerika neu begründet werden muss, das zählt zu den unausgesprochenen Dringlichkeiten, auf die man sich in Berlin einrichtet. Und das mit Recht. Denn wirklich isoliert sieht die Berliner Politik sich von der europäischen Grundstimmung nicht. Hinter diese Bilder führt so leicht kein Weg zurück: die geglückte Feier zum Jahrestag des Elysée-Vertrages, von Frankreich mit Stilgefühl inszeniert, sowie der politische Schulterschluss der beiden Nachbarn in Sachen Irak. Das erscheint als ein Symbol, das durchaus die Grundlage für "mehr Europa" bilden könnte – vielleicht sogar die Basis für eine Gemeinsamkeit im Sicherheitsrat?

Noch vor dem "D-Day" wird deutlich: Für den "richtigen Krieg" hält wohl kaum ein europäischer Staat die Intervention im Irak, egal, wie öffentlich argumentiert und am Ende votiert wird. Neben aller Taktiererei aus innenpolitischen Motiven heraus war es am Ende auch das Gefühl einer gewissen Ohnmacht, das zu der Verhärtung von Schröders Position führte. Er hat auch so gesprochen, weil er davon ausgeht, dass in Washington, unabhängig von Blix, bereits die Würfel gefallen sind. Was, wenn es die Deutschen gehalten hätten wie die Franzosen? In Berlin bleibt die Antwort skeptisch, auch wenn der Außenminister mit seinem Interview im Spiegel zum Jahresbeginn noch einmal sondierte, ob sich Deutschland doch stärker ins Spiel bringen könne, wenn ein "Ja" wirklich erwogen würde. Aber von Anfang an war klar, dass das nur als "Umfallen" verstanden würde. Und wie gern Joschka Fischer auch Akteur wäre, das ginge über die deutschen Möglichkeiten. Berlin findet nicht die Zauberformel, um Hussein ins Exil zu expedieren.

Und haben die Deutschen ihren Einfluss verspielt, als sie ihr "Nein" erhärteten? Das unterstellt, sie hätten Einflusschancen gehabt. Kanzler und Außenminister mögen im Urteil darüber unterschiedlicher Meinung gewesen sein. Am Ende aber dürfte sich bei beiden der Eindruck verdichten: Groß waren die Möglichkeiten nicht. Lagen sie nicht gar bei null? Vermutlich ja, in die Richtung führt die erste Bilanz. Die Frage liegt in der Luft, ob die Europäer einer Illusion nachhingen, als sie glaubten, den "liberalen Flügel" beeinflussen zu können. Berliner Diplomaten trösten sich, man habe immerhin bewirkt, dass Washington den Schulterschluss mit den Vereinten Nationen sucht. Zugleich aber haben sie George Bush genau zugehört, als er sagte, die UN könnten nur mit "Ja" votieren, sonst verlören sie ihre Bedeutung.

Beim nächsten Krieg wird alles anders? Ohne Frivolitäten – ja. Die Suche nach dem "Europäischen" in Europa wird drängender, wie auch die Hoffnung, die "europäische Seite" Amerikas bald wieder besser erkennen zu können. Und hierzulande wird hoffentlich jene internationale Debatte geführt werden, die es bislang kaum gibt.

Bleibt die Frage, was vor dem Krieg geschieht. Wenn Washington es in den nächsten Wochen schafft, im Sicherheitsrat Bündnispartner zu gewinnen, und besonders wenn Frankreich doch "Ja" sagt, kann es passieren, dass nur Syrien mit "Nein" votiert und die Bundesrepublik sich einsam enthält. Das ist der worst case, zugegeben, aber als unwahrscheinlich gilt er keineswegs. Abseits, ganz klar! Wenn kein anderes Land sich enthält, hätte Deutschland sich international isoliert, jedenfalls auf der Ebene der politischen Eliten.

Und dann? Wenn Schröder weiter bei seinem "Nein" bliebe, könnte er sich zu Konsequenzen gezwungen sehen. Er könnte sagen, er wolle seiner Überzeugung nachkommen, aber im Interesse der transatlantischen Beziehungen trete er zurück, um einen Neuanfang möglich zu machen. Entschiede er sich für ein "Ja", wäre die Lage nicht anders. Dann müsste Schröder sagen, er sehe sich gezwungen, seine Worte zu fressen und den Kurs zu ändern, aber um Schaden von seiner Partei und der Republik abzuwenden, gehe er.