Das World Economic Forum, das größte Manager-Treffen der Welt, hat ein Problem: Will es bestehende Trends in der Weltwirtschaft einfach nur abbilden und verstärken – oder will es eigene Zeichen setzen für Wohlstand und Unternehmertum? Beim diesjährigen Gipfel im schweizerischen Skiort Davos war Vertrauen das bestimmende Generalthema. Richtig, dachte man, schließlich lassen Konzernskandale wie die von Enron und Worldcom die Anleger und Geldgeber an den Rechenwerken vieler Unternehmen zweifeln. Doch mit jeder neuen Podiumsdiskussion drängte sich ein anderer Eindruck auf: Unternehmen und Unternehmern fehlt das Vertrauen in sich selbst.

Das Forum veröffentlichte eine Umfrage, wonach die Unternehmenslenker in der Außenwahrnehmung binnen weniger als zwei Jahren von Helden zu Schurken geworden sind. Die Führer von Bürgerorganisationen, UN und Kirchen, ja selbst westeuropäische Politiker genießen nach der Erhebung mehr Vertrauen als die Chefs multinationaler Unternehmen.

Mea culpa!, schien die Wirtschaftswelt zu antworten – und den dunklen Anzug als Büßergewand zu tragen. Ein Delegierter nach dem anderen bekannte auf dem Podium, seinesgleichen müsse Mitarbeiter, Kunden und die Öffentlichkeit neu gewinnen. Ein Experte nach dem anderen streute Salz in die Wunden. Die Investoren seien es müde, übermäßige Risiken einzugehen und übertriebene Versprechen zu glauben. Konzerne müssten folglich durchsichtiger und offener werden, sich hart kontrollieren lassen, ihre Rolle in der Gesellschaft wahrnehmen. Ihre Führung müsse den Wandel glaubwürdig verkörpern oder gehen.

Bloß von Wachstum und profitablen Innovationen sprach so gut wie niemand. Davon, Weltmärkte zu erobern und mit Spitzenprodukten den Wettbewerb zu gewinnen, war nur am Rande die Rede. Wie können Unternehmen und Wagniskapitalisten mit neuen Strategien die Volkswirtschaften aus der Krise herausführen, wie können sie die Flaute nutzen, um die eigene Position zu stärken und zu expandieren? Fehlanzeige.

Dabei ist es doch so offensichtlich: Nur wenn die Konzerne gute Geschäfte machen, wenn sie Selbstvertrauen beweisen und Mehrwert schaffen, wenn sie ihren Kunden bessere Produkte anbieten und den Anlegern glaubhafte Gewinnerwartungen präsentieren, nur dann können sie auch Vertrauen von außen erwarten.

Gründe zur Depression hatte Davos hinreichend zu bieten. Der mögliche Krieg gegen den Irak lag wie Nebel über nahezu jeder Debatte. Dazu die Krise in Südamerika, der Ärger mit Nordkorea, der Terrorismus: Wo die Teilnehmer auch hinschauten, lauerten Gefahren für die Konjunktur. Dazu noch die Tatsache, dass selbst Unternehmen und Geldgeber, die im Boom zur Vorsicht mahnten, schwer getroffen wurden. Ein von einem Investmentbanker gezogener Vergleich machte die Runde: Täglich geht man zum Strand, sieht die direkt am Wasser gebauten Häuser und sagt sich, dass die nächste Flut diese Gebäude zerstören werde. Abends zieht man sich mehrere Kilometer zurück ins eigene Haus und freut sich, dass man selbst so vorsichtig war – nur um zu erkennen, dass die Flutwelle, als sie wie erwartet kommt, auch das eigene, fest in den Boden zementierte Haus mitreißen wird. Nach dieser Lernerfahrung werden Risiken groß geschrieben.

Statt gegen diese Stimmung anzutreten, verstärkt das World Economic Forum sie. Statt dem Trend zu begegnen, unterstützt es ihn. Das war schon im Jahr 2000 so, als das ganze Schweizer Dorf im Zeichen der New Economy, der Milliardendeals und der Superchefs stand. Die damalige Party im Schnee trug dazu bei, dass aus der digitalen Innovation eine Halluzination wurde. Dem Unternehmertum und der Weltwirtschaft hätte es mehr genützt, wenn die Mahner mit ihren Argumenten gegen die Euphorie hörbar zu Wort gekommen wären.

Dieses Jahr also die Trauerfeier. Kaum ein Wort wird darüber verloren, dass viele, wenn nicht gar die meisten erfolgreichen Unternehmen in Krisenzeiten gegründet werden, dass sich bei schlechter Börse mancher Firmenkauf eher lohnt als auf der Höhe des Booms, dass es sich zu werben lohnt, wenn insgesamt wenig geworben wird – kurz: dass es guten Grund gibt, antizyklisch zu denken und zu handeln. Die guten Nachrichten während des Treffens kamen nicht aus Davos. Siemens etwa präsentierte seinen unerwartet hohen Quartalsgewinn in München. Amerikanische und holländische Forscher ermittelten in einer Studie, dass die Informationstechnik in den Vereinigten Staaten die Arbeitsproduktivität entgegen den Erwartungen der Skeptiker weiter nach oben treibt.