Anfangs am Gymnasium hatten wir einen Musiklehrer, den sein Unglück umwehte wie manche Damen ihr zu schweres Parfum. Ein klassischer Fall: verfehlte Pianistenkarriere, stattdessen künstlerisch frustrierender Erziehungsdienst an zickig-pubertierenden Provinzmädchen. Er litt daran, wir machten uns lustig.

Dann, endlich, kam für ihn der Ruhestand und als Nachfolgerin: sie. Eine junge, kurzhaarige, ehrgeizige Musikpädagogin, die schon allein dadurch auffiel, dass sie als erste Frau des Kollegiums einen Doppelnamen trug. Friedel Kunze-Hattenhauer, so stelle ich es mir heute vor, wird nicht wenig verzweifelt gewesen sein, als sie den Schulchor des Mindener Mädchengymnasiums zum ersten Mal in Aktion erlebte – mit Singen hatte das wenig zu tun. Für Menschen mit geübtem Gehör gibt es kaum Schlimmeres als einen schlampig angeleiteten Kinderchor. Genau das waren wir. Und Kunze-Hattenhauer hatte das absolute Gehör.

Wie lange es dauerte, uns aus unserer nicht ganz selbst verschuldeten Unmusikalität zu befreien, weiß ich nicht mehr. Aber wie sie es machte, das sehe ich vor mir. Energisch wippte sie auf ihren Gummisohlen, riss Augen und Mund auf und – ahmte uns nach, immer wieder: wie wir uns von unten an hohe Töne heranjaulten, als wären wir "in der Hitparade"; wie wir die Melodien umschlichen, als suchten wir nach möglichst dissonanten Variationen; wie uns schon bei einfachsten Kanons jedes Taktgefühl verloren ging. Dabei entfaltete sie ein komisches Talent, das jedem heutigen Comedystar zur Ehre gereicht hätte. Wir lachten, bis uns die Zahnklammer rausfiel, und nahmen kein bisschen übel.

Wirklich nicht. Wir sperrten auf ihr Kommando die Ohren auf, hechelten zum Einsingen Vierklangfolgen auf den Silben "ha", "ho" und "hi". Wir legten eine Hand aufs Zwerchfell, um "besser zu stützen"; wir "atmeten chorisch", anstatt alle an derselben Stelle "nach Luft zu japsen wie eine Karpfenkompanie". Singen ließ sich lernen, das hatten wir nicht gewusst. Den Unterschied zu vorher hörten wir bald selbst.

Und wenig später nahm sie doch tatsächlich mit "ihrem Chor" eine Schuloper in Angriff. Mit uns! Aufzuführen im großen Stadttheater hinter dem Marktplatz, nicht in der Aula, die für eine echte Oper aus Mangel an Kulissen kaum getaugt hätte. War irgendein Schuljubiläum der Anlass? Eine städtische Feier? Jedenfalls müssen die Vorbereitungen für Cesar Bresgens Igel als Bräutigam ein gigantisches Unterfangen gewesen sein. Die Auswahl der Solisten; der zweiten Besetzung. Die Einzelproben. Die Chorproben. Das Orchester. Die Gesamtproben. Die Kostüme. Die Kulissen. Kunze-Hattenhauer hatte alles im Griff, war Chorleiterin, Orchesterchefin, Regisseurin in einem.

Wohl das komplette Schuljahr lang glühten wir im Opernfieber und freuten uns, wenn wir hoch offiziell den lähmenden Geschichtsunterricht schwänzen durften. Bei der Generalprobe summte es vor Spannung in den Garderoben, und auf einmal fand ich es gar nicht mehr schlimm, dass die blonde Karin meine Solorolle bekommen hatte. Obwohl sie ein Jahr jünger war! (Und weil, heute kann ich’s zugeben, Karin eine wunderschöne Sopranstimme hatte.) Ich war im Chor. Der Vorhang ging auf. Er war aus dunkelrotem Samt.

Jahre später aber gab es da noch etwas, das mir unvergesslich geblieben ist: eine höchst peinliche Moralpredigt, zu der mich meine Lieblingslehrerin in den Musikraum zitierte. Es muss zu Beginn der 12. Klasse gewesen sein. Wir hatten im Musikleistungskurs (ja, so etwas war möglich, schon vor 25 Jahren) eine Klausur geschrieben – vielleicht über die Dreigroschenoper? Wie immer hatte ich zur Vorbereitung alle wissenswerten Fakten in Minischrift auf einem Zettel zusammengefasst. In neun von zehn Fällen blieb das Ding unbenutzt; so auch diesmal, weil ich alle Daten beim Aufschreiben eben doch gelernt hatte. Nur: Dummerweise war der schlaue Zettel mitsamt den Arbeitsbögen in die Hände der Lehrerin geraten. Wie sollte sie mir glauben, dass ich ihn nicht gebraucht hatte?

Sie war zutiefst empört. Sie nannte mich falsch, unsozial, gemein gegenüber meinen Mitschülern. Wahrscheinlich meinte sie, solche harten Worte seien nötig, damit sie an einer 17-Jährigen, die moralisch derart versagt hatte und stumm vor ihr saß, nicht spurlos vorübergingen. Ein Zehntel der Dosis hätte gereicht. Sie konnte nicht wissen, dass ich sie verehrte.