jugendkriminalität„Klauen ist uncool“

Es muss nicht immer gleich das Jugendgericht sein. In Bayern bringen Schüler jugendliche Straftäter wieder auf den rechten Weg – unter den Augen der Staatsanwaltschaft von Schenk

Vor dem ersten Mal war Kathrin etwas mulmig zumute. Schließlich würde gleich einer durch die Tür kommen, der gegen das Gesetz verstoßen hat. Wie geht man mit so einem um, wie reagiert der auf einen selbst? Kathrin ist 17 Jahre alt, Schülerin der 10. Klasse des Kronberg-Gymnasiums in Aschaffenburg und manchmal so etwas wie eine Richterin. Obwohl sie das nicht so gern hört. Sie nennt sich lieber „Wellenbrecher“.

Wellenbrecher, das ist der Name für ein Schülerprojekt in Aschaffenburg, das es vielleicht bald in ganz Bayern geben wird. Dabei sollen nicht Richter, sondern Schüler entscheiden, welche „erzieherischen Maßnahmen“ geeignet sind, jugendliche Straftäter zwischen 14 und 18 Jahren wieder auf den rechten Weg zu bringen. Die Delinquenten haben eine CD geklaut, sind Auto gefahren, obwohl sie noch keinen Führerschein haben, erpressten ihre Mitschüler oder hatten Hasch in der Tasche. Leichte und mittelschwere Straftaten also, härtere Fälle sind von vornherein ausgeschlossen. Voraussetzung ist, dass die Jugendlichen ihre Tat gestanden haben, der Sachverhalt geklärt ist, die Staatsanwaltschaft den Fall für die Wellenbrecher geeignet hält und – ganz wichtig – der Täter dem alternativen Verfahren zustimmt. Im November 2000 starteten Polizei, Staatsanwaltschaft und Sozialpädagoginnen des Vereins Hilfe zur Selbsthilfe den Modellversuch, mit Unterstützung des bayerischen Justizministeriums. Ein Gremium aus drei Schülern entscheidet dabei, welche „Maßnahmen“ angemessen sind und zu Tat und Täter passen. Ein Entschuldigungsschreiben, zwei Wochen Mofa- oder Handy-Entzug etwa oder Fensterbilder für ein Altenheim basteln. Hält sich der Täter daran, ist der Fall erledigt. Hinter dem Versuch steht der Gedanke, dass Jugendliche von Gleichaltrigen nachhaltiger zur Einsicht gebracht werden als durch ein herkömmliches Jugendstrafverfahren.

Kathrin ist erleichtert, als ein ganz normaler Junge auftaucht, wie er auch in ihrer Klasse hätte sein können. Aufgeregt ist er. Das beruhigt sie. Ganz und gar kein Verbrechertyp. Unsicher geht er in den „Verhandlungsraum“ des Vereins Hilfe zur Selbsthilfe. Setzt sich auf einen der vier Korbstühle, die in einer Ecke des Altbauzimmers um einen kleinen runden Tisch stehen. Die drei Wellenbrecher fragen: Was hast du gemacht, warum hast du es gemacht, was hast du dabei gefühlt? Der Junge erzählt. Im Media-Markt konnte er einem Computerspiel nicht widerstehen. Blöderweise hatte er kein Geld dabei. Da hat er es in seine Jackentasche gesteckt, einfach so, ohne groß nachzudenken. Beim Rausgehen hat es gepiepst. Gemeinsam überlegen sie, was er tun soll. Er selbst schlägt vor, so lange bei Media-Markt zu jobben, bis die „Strafe“ abgegolten ist. Kathrin und die beiden anderen Wellenbrecher stimmen zu, außerdem soll er einen Entschuldigungsbrief schreiben und ihn persönlich beim Geschäftsführer abgeben.

Knapp zehn solcher Verhandlungen hat Kathrin geführt. Immer mittwoch- und freitagnachmittags. Seit einem dreiviertel Jahr ist sie dabei. Rund 90 Fälle haben die Wellenbrecher bislang abgeschlossen, meistens handelte es sich dabei um Ladendiebstahl. 23 Schüler nehmen zurzeit an dem Versuch teil. Die jüngsten sind 16, die ältesten 21 Jahre alt. Die meisten kommen von Gymnasien, einige auch von Real- oder Berufsschule.

Als Vorbild dienen die US-amerikanischen Teen-Courts. Der entscheidende Unterschied: In den USA nehmen Jugendliche tatsächlich die Rolle des Richters ein. In Roben gehüllt, urteilen sie über gleichaltrige Straftäter und lassen sich dabei mit Sir anreden. Schüler übernehmen dabei auch die Aufgaben von Staatsanwalt, Verteidiger und Geschworenen. Die Angeklagten werden meist zu gemeinnütziger Arbeit verurteilt. Schätzungsweise 600 dieser Teen-, Peer- oder Youth-Courts gibt es in den USA. Die Gründungsorganisation dieser Gerichte ist davon überzeugt, dass sie ein wirksames Mittel sind, um die Jugendkriminalität zu bekämpfen. Eine Studie besagt, dass 85 Prozent der Verurteilten kein zweites Mal auf der Anklagebank sitzen. Das klingt erst einmal verlockend, denn auch hierzulande steigt die Kriminalität unter Jugendlichen. In Bayern betrug 2001 die Zahl der tatverdächtigen Jugendlichen 35859, das sind rund 5 Prozent mehr als im Vorjahr. Laut der Kriminalstatistik des Bundesinnenministeriums von 2001 wurden 7,4 Prozent aller deutschen Jugendlichen von der Polizei als „tatverdächtig ermittelt“.

Für absoluten „Schrott“ halten die Wellenbrecher aus Aschaffenburg diese amerikanischen Courts. Simone hat im Fernsehen einen Bericht darüber gesehen. Unmöglich sei das, sagt die Elftklässlerin, „wie die Angeklagten dort von Gleichaltrigen runtergeputzt werden“. Und die Strafen hätten überhaupt keinen Bezug zur Tat, schimpft sie.

Auch Experten kritisieren das Modell der Teen-Courts. Michael Schulte-Markwort, Professor für Kinder- und Jugendpsychiatrie am Uniklinikum Hamburg-Eppendorf, sagt: „Das Gefühl der Scham und Erniedrigung ist viel größer, wenn Jugendliche von Gleichaltrigen verurteilt werden.“ Auch Bernd-Rüdeger Sonnen, Vorsitzender der Deutschen Vereinigung für Jugendgerichte und Jugendgerichtshilfen, hält es für riskant, wenn ein Jugendlicher über einen anderen zu Gericht sitzt. Unproblematisch sei es aber, wenn Gleichaltrige lediglich helfen sollen, „Normen zu verdeutlichen“. Kathrin formuliert das einfach so: „Die müssen merken, dass es Jugendliche gibt, die Klauen uncool finden. Wenn da ein Richter mit erhobenem Zeigefinger sitzt, geht das vielleicht nur zum einen Ohr rein und zum anderen raus.“

Um amerikanische Verhältnisse zu vermeiden, mussten die Wellenbrecher von Anfang an lernen, dass sie weder die Stellung noch die Funktion eines Richters haben. Wissenschaftlich begleitet wird der Modellversuch von Kriminologen der Universität München. Ein Zwischenbericht beurteilt das Projekt im Großen und Ganzen positiv, wirft aber auch Fragen auf: zum Beispiel, ob bei einem leichten Ladendiebstahl überhaupt ein Gespräch und eine zusätzliche Maßnahme notwendig sind. Denn meistens ist das Unrechtsbewusstsein bei den Ersttätern von vornherein da, und der Schock über das Erwischtwerden sitzt tief genug. Deshalb forderten die Kriminologen, die Palette der Delikte auch auf schwerere Straftaten auszuweiten.

Die Sozialpädagogin Uta Morhart vom Verein Hilfe zur Selbsthilfe hat die Schüler auf ihre Aufgaben vorbereitet. An drei Wochenenden haben sie in Rollenspielen gelernt, wie man Fragen so stellt, dass man nicht nur ein Ja oder Nein als Antwort bekommt. Sie haben gelernt, zuzuhören, sich in andere hineinzuversetzen. Polizisten und Jugendstaatsanwälte vermittelten juristische Hintergründe.

Warum machen die Schüler mit? Weil Juristenserien wie Ally McBeal und Edel & Stark angesagt sind oder Gerichtsshows boomen wie Richterin Barbara Salesch? Kaum. Viele suchen eine Möglichkeit, sich zu engagieren, einige treibt die Neugierde, manche wollen später einmal Jura studieren. Die meisten sind Mädchen. Kathrin hat es gereizt, sich mit Menschen zu beschäftigen, die Mist gebaut haben. Weil das jedem mal passieren kann.

Nicht immer läuft es so glatt wie bei ihrer ersten Verhandlung. Manchmal sitzen ihre „Fälle“ auch nur verstockt da. Oder das Mädchen, das bei einer Verhandlung weinte, das hat die Wellenbrecher ganz schön mitgenommen. Aber meistens funktioniere es gut, sagt Uta Morhart, die immer dabei ist, sich aber bei den Gesprächen nicht einmischt. Dass die Täter mit dem Verfahren gut klarkommen, liest sich auch in den „Besinnungsaufsätzen“, die die Jugendlichen verfassen müssen: „Ich hatte ein sehr komisches Gefühl, als ich zu diesem Projekt geladen wurde… Danach fand ich das Gespräch mit den netten Wellenbrechern aber sehr positiv. Ich bin mir auch sicher, eine solche doofe Tat nie wieder zu begehen.“

Wie nachhaltig der Eindruck des Schülerverfahrens tatsächlich ist, wird sich in wenigen Monaten zeigen, wenn die Ergebnisse der Begleitforschung zu Rückfallquote und Akzeptanz vorliegen. Ein Wackelkandidat ist auf jeden Fall schon einmal dabei. Als ihn die Wellenbrecher fragten, ob er wieder in einem Kaufhaus stehlen würde, sagte er nein. Um dann hinzuzufügen: „Aber was weiß ich, was in zwei Jahren ist.“

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