Davos

Die traditionelle Samstags-Demo in Davos, bei der sonst der McDonald’s ("Think global, eat local") zerlegt wurde, war diesmal recht brav. Blutigstes Opfer war ein Reporter, der von einem raffinierten Klein-Geschoss getroffen wurde: einem Eiswürfel, per Zwille abgefeuert. Das Corpus Delicti konnte einem ballistischen Test nicht mehr unterzogen werden, weil es auf dem Weg ins Labor dahinschmolz. Lag die Friedfertigkeit am strahlend blauen Himmel oder an der Tatsache, dass diesmal an die tausend Promis fehlten?

Zum Beispiel die Deutschen: Ranghöchster Gast war ein Staatssekretär. Davos 2003 hatte das Debut von Wolfgang Clement werden sollen. Der sagte ebenso ab wie Joschka Fischer und Hans Eichel. Das Wall Street Journal spekulierte: Die Deutschen wollten sich angesichts ihrer Wirtschaftslage nicht unangenehmen Fragen aussetzen. Jedenfalls seien die Absagen auf der höchsten, der Kabinettsebene beschlossen worden. Die Welt legte nach: Eichel hätte ein wichtigeres Ereignis gewählt – das "Schlachtessen" des SPD-Ortsvereins in Groß-Bieberau.

Doch fehlte auch so manche Größe aus der Wirtschaft, zum Beispiel Jürgen Schrempp (DaimlerChrysler), der sonst die Kollegen beim exklusiven Hütten-Dinner auf dem Berg zusammenführte. In Stuttgart wird gemunkelt, die Daimleristen wollten nicht die zusätzliche halbe Million Fränkli zahlen, die ihnen mehr als drei Teilnehmer erlaubt hätten. Apropos Sparsamkeit: Ein Doppelzimmer im gehobenen Jugendherbergs-Stil kostete diesmal 410 Franken (280 Euro), eine 5Minuten-Taxifahrt 25 Franken. Ein anderer deutscher Großindustrieller murrte, die ganze Richtung stimme nicht mehr: "Davos ist zur NGO verkommen." Es werde nicht mehr offen über Wirtschaft und Politik debattiert, sondern über politisch korrekte Wohlfühl-Themen – ja keinen Streit, bloß niemanden provozieren.

Ein bitteres Urteil, aber nicht ganz falsch. Die klassische Sitzung lief so ab: Auf der Bühne sechs, sieben Großredner, ganz am Rand der Moderator. Ein jeder dreht gemächlich seine rhetorische Runde, unterbrochen wird nicht. Gestritten auch nicht, weil plötzlich die Zeit abgelaufen ist. Gefragt, warum er die Propagandablasen nicht angepikst habe, antwortet der Moderator: "Ich war schon froh, meine Fragen nicht vorher ankündigen zu müssen, wie es von den Organisatoren gewünscht wurde."

Kein Wunder, dass eine Sitzung der Frage gehorchte: "Can’t We All Just Get Along?" – Können wir uns nicht einfach vertragen? Die interessantesten Events waren denn auch die "private dinners", die Konferenz neben der Konferenz. Man war unter sich und konnte wenigstens nach Consommé und Kalbsfilet die Fetzen fliegen lassen. So ist das harte Leben der Mächtigen in Davos: Das Adrenalin wogt nuroff the record.