Am Tag nach dem Tod seines Großvaters lernte John Elkann Turin kennen. Zehntausende von Menschen zogen am Sarg Gianni Agnellis vorbei, der im Dachgeschoss des ehemaligen Fiat-Werks Lingotto aufgebahrt war, bedeckt von einem Teppich aus weißen Blüten. Die Menschen schauten zuerst auf den Sarg und dann in die Augen des jungen Mannes, der jedem, wirklich jedem die Hand reichte. Für viele hatte er ein Lächeln, zurückhaltend, nur angedeutet – ein Agnelli-Lächeln eben. Neben ihm standen seine Geschwister, die Mutter Margherita, der Großonkel Umberto, die Großmutter Marella. Alle aufrecht und tränenlos, Hände schüttelnd bis zur Erschöpfung. Einen Tag und eine Nacht harrte John Elkann aus bei dieser öffentlichen Totenwache, bis morgens um sechs der letzte Trauergast kam – eine pensionierte Fiat-Arbeiterin.

Als am Morgen die Sonne aufging und der alte Avvocato zum Staatsbegräbnis in die Kathedrale getragen wurde, wusste Turin: Die Familie ist zurück. Die Agnellis werden in der schwersten Krise ihres mehr als hundertjährigen Unternehmens, die in ihrer Stadt eine tiefe Depression ausgelöst hat und in Italien ganze Landstriche vor der Verarmung bangen lässt, nicht abdanken.

Monatelang hatte es indes so ausgesehen. Gianni Agnelli, der seit seinem Jurastudium den Spitznamen Avvocato trägt, kämpfte, abgeschirmt in seiner Residenz, gegen den Krebs. Währenddessen erklärte sein jüngerer Bruder Umberto in kaum verbrämten Worten, Fiat werde nicht um jeden Preis die defizitäre Autosparte halten. Als oberster Anlageverwalter der Familie hatte Umberto Agnelli in den vergangenen Jahren ohnehin auf rentablere Geschäfte gesetzt – auf Energieunternehmen, Versicherungen und Zeitungen. Fiat Auto schien ihn weniger zu interessieren, seitdem er vor mehr als zehn Jahren aus dem Fiat-Vorstand gedrängt worden war. Damals wurde Umbertos Bruder Cesare Romiti zum mächtigsten Mann neben dem Patriarchen. Als Romiti nun zum Begräbnis kam, übersah Umberto geflissentlich die ausgestreckte Hand des Rivalen.

Da hatte Umberto schon eine der schwierigsten Konferenzen seines Lebens hinter sich. Am vergangenen Freitag, nur eine Stunde nach dem Tod Gianni Agnellis, traf sich die Kommanditgesellschaft Giovanni Agnelli & C. Sapa im Fiat-Museum. Der Termin war tags zuvor anberaumt worden, auf der Tagesordnung stand, wie schon so oft, die Auto-Krise. Nun hatten viele Gesellschafter rot geweinte Augen – sie kamen direkt vom Totenbett des Familienpatriarchen. Die "Sapa" besteht sämtlich aus Verwandten, sie ist die Familienholding der Agnellis, die indirekt 33 Prozent des Fiat-Konzerns kontrolliert.

Umberto fand klare Worte. "Wir geben den Autobau nicht auf", sprach er. Und erstmals nach langer Zeit folgten Taten. Eine Kapitalerhöhung von 250 Millionen Euro wurde beschlossen, die Agnellis öffnen ihre Familienschatulle. Ein weiteres Signal: Der Familienrat nominierte Umberto, den ewigen "kleinen Bruder", zum nächsten Präsidenten des Fiat-Konzerns. Im Mai wird der 68-Jährige das Amt von Paolo Fresco übernehmen, der 1999 vom US-Konzern General Electric kam. Umberto soll das von seinem Großvater gegründete Unternehmen durch die Krise steuern, allerdings als Mann des Übergangs. Die Zukunft verkörpert einer, der gar nicht Agnelli heißt, aber Umbertos Vize wird: John Elkann, der neue Hauptaktionär.

Gianni Agnelli rang mit dem Tod, als sein 26-jähriger Enkel zum mächtigsten Mitglied der Sapa berufen wurde. Er repräsentiert das Aktienpaket des Alten, mit 30,6 Prozent das weitaus größte in der Familien-KG. Der Avvocato hatte die Sapa streng feudalistisch organisiert – an ihm und seinem Erben kommt keiner vorbei, angesichts des auf fast 200 Mitglieder angewachsenen Clans eine notwendige Maßnahme, um das weit verzweigte Imperium zusammenzuhalten.

Der Junge, nach dem tragischen Tod von Umbertos Sohn Giovanni Alberto zum neuen Kronprinzen bestimmt, hat in den letzten Monaten bereits Charakter gezeigt. Bei einer tumultuösen Verwaltungsratssitzung stemmte er sich gegen seinen Großonkel Umberto, als dieser den Präsidenten Paolo Fresco vor die Tür setzen wollte. "So benimmt man sich nicht", soll Elkann vor versammelter Mannschaft Umberto angefahren haben. Und er setzte sich durch, im Einvernehmen mit den Gläubigerbanken. Fresco, ein Förderer von Elkann, durfte bleiben.

Der übermächtige Schatten des Großvaters reicht weit. Viele in Italien fragen sich, ob der Erbe den Anforderungen gewachsen sein wird. "Wenn der Großvater sprach, waren alle still. Es gab keine Diskussionen", hat John Elkann die selbstverständliche Autorität des Patriarchen beschrieben. Das wird nun anders werden. In der Trauer demonstriert die Familie Einigkeit, doch bald könnte das große Tauziehen losgehen. Um das Autogeschäft zu retten, wird Elkann größere Kapitalerhöhungen durchsetzen müssen, im Verbund mit Umberto. "Von der absoluten Monarchie muss Fiat sich zu einer konstitutionellen Monarchie wandeln", sagt der Unternehmer Alberto Falck, Vorsitzender des italienischen Verbands der Familienbetriebe.