Finanzen Nichts wissen. Alles verlieren
Viele Deutsche können schlecht mit Geld umgehen – sie brauchen finanzielle Bildung. Was die Familie nicht leistet, muss die Schule übernehmen. Es geht um mehr als nur ein Schulfach Wirtschaft. Es geht um Praxis fürs Leben
Das Ende kam noch vor dem Start. Wochenlang war Peter Gießer* durch Frankreich gefahren und hatte Lieferanten für Gänseleber, Wein und Pasteten gesucht. Wenn er nicht unterwegs war, kümmerte er sich um die Einrichtung seines kleinen Feinkostladens im Hamburger Norden: Gießer baute eine große Verkaufstheke, er schraubte Regale und entwarf sogar die Lampen. Das nötige Kapital kam vom Arbeitsamt, als Überbrückungsgeld.
Bloß: Als Gießer das neue Geschäft eröffnen wollte, hatte er zwar Lieferanten, aber keine Kunden; er hatte Schulden, aber kein Geld mehr, um Waren zu kaufen. Und die Bank? Gab unter diesen Umständen sowieso keinen Kredit. Der Feinkosthändler hatte grob gepatzt – und die Finanzplanung vergessen. Gießers Traum vom eigenen Geschäft war ausgeträumt.
Dass Kleinunternehmer nicht wissen, wovon sie die nächste Rechnung bezahlen sollen, erlebt Martin Jung häufiger. Zu häufig, meint der Chef der Hamburger Unternehmensberatung Evers & Jung: „Sie machen wunderbare Businesspläne, legen los und stellen plötzlich fest, dass sie kein Geld mehr haben.“ Seit etwas mehr als einem Jahr betreibt Evers & Jung in der Hansestadt das so genannte Firmenhilfe-Telefon. Es ist eine Hotline für Pleiten, Pech und Pannen.
Deutschlands neue Selbstständige haben ein Problem im Umgang mit Geld – genau wie jeder Privatmann. Das ist fatal in einer Gesellschaft, die wie niemals zuvor auf Eigenverantwortung setzt. Die ihr größtes Problem – die Massenarbeitslosigkeit – auch dadurch lösen will, dass Menschen ohne Job künftig lieber eine Ich-AG gründen, als weiter die Staatskasse zu belasten. Und die immer stärker auf eine private Altervorsorge setzt, weil das gesetzliche Rentensystem kollabiert.
In Sachen Geld ergeht es uns wie Analphabeten auf dem Bahnhof. Solange es Lautsprecherdurchsagen gibt und Schaffner uns den Weg weisen, finden wir auch den richtigen Zug – selbst wenn wir die Schilder nicht lesen können. Was aber, wenn die Lautsprecheranlage ausfällt? Wenn uns der Schaffner zum falschen Gleis schickt?
Keine Lust auf Geld. Ganz gleich, ob Versicherungskunden oder Kleinaktionäre, Selbstständige oder Angestellte: Geld geht alle an, aber dennoch beschäftigen wir uns ungern damit. Sich um seine Finanzen zu kümmern macht Arbeit, kostet Zeit und ist kompliziert. Das betrifft vor allem jene, die sich keine teuren Berater leisten können, also die Menschen aus den unteren Einkommensschichten. Nicht einmal jeder Zweite von ihnen beschäftigt sich gern mit den Details eines Bausparvertrags, den Einzelheiten der Berufsunfähigskeits-Versicherung oder den Fußnoten im Kreditantrag, heißt es im „Vorsorgereport“ der Bertelsmann Stiftung, der in einigen Wochen veröffentlicht wird.
Dass eine Gesellschaft nicht mit Geld umgehen kann, ist allein schon schlimm genug. Schlimmer ist, dass alle Ansätze, uns zu helfen, bis jetzt gescheitert sind.
Gegen finanziellen Analphabetismus und seine Folgen gibt es im Grunde nur ein Mittel: Bildung. Doch wer hat überhaupt ein Interesse daran, unsere finanzielle Bildung zu verbessern? Banken und Versicherer müssten eigentlich an aufgeklärten Kunden interessiert sein, dann drohen ihnen später auch keine Gerichtsprozesse. „Einmal hingehen, schneller Abschluss, nie mehr wiedersehen, das ist nicht das Geschäftsmodell, das zukunftsträchtig ist“, sagt Gerhard Rupprecht, Vorstandschef des größten deutschen Lebensversicherers, Allianz Leben. Die Realität sieht in Deutschland noch anders aus. Womöglich „jede zweite Beratung zur Riester-Rente“ sei mangelhaft, kritisierte unlängst der Bund der Versicherten. Es ist das alte Dilemma: Wenn die Anleger feststellen, dass sie schlecht beraten wurden, ist es meist schon zu spät. Dann ist der empfohlene Aktienfonds um 90 Prozent abgestürzt. Oder der Vertragsabschluss bei der Lebensversicherung liegt bereits 30 Jahre zurück.
Die Medien versagen. Auch von Fernsehen & Co. können wir kaum Hilfe erwarten. Gestern noch bejubelten Wirtschaftsmagazine und Zeitungen die Aktie, heute feiern sie das Sparbuch, eben ganz so, wie es der Trend verlangt. Grundlegende Informationen aber bieten die wenigsten, und eine Fernsehsendung wie die Telebörse, die – von den Banken gesponsert – ursprünglich den Deutschen den Kapitalmarkt erklären sollte, ist längst zum Randgruppen-TV verkommen. Zu den Schuldnerberatungen wiederum kommen die Menschen erst, wenn es zu spät ist. Bereits heute aber sind in Deutschland 2,8 Millionen Haushalte überschuldet; ohne fremde Hilfe können sie ihre Kredite nicht mehr abbezahlen. Und selbst dort, wo wir alle unsere ersten Fähigkeiten lernen – etwa zu sprechen, zu laufen oder unseren Namen zu schreiben –, wird das Thema Geld falsch angepackt: in der Familie.
Es ist zwar nicht so, dass in den Familien der Umgang mit Geld überhaupt keine Rolle spielt. Im Gegenteil. Viele Eltern nehmen ihre Kinder zum Einkaufen mit oder schicken sie allein zum Bäcker, damit sie lernen, dass ein Brötchen für 15 Cent günstig ist und ein halbes Pfund Butter für zwei Euro sehr teuer. Aber niemand schickt sein Kind auf die Bank zum Geldanlegen, niemand bringt ihm bei, wie man sich richtig versichert. „Da Geld in vielen Familien ein Tabuthema ist, fehlen häufig die Offenheit und Bereitschaft, die Familienfinanzen auf den Tisch zu legen und das Haushaltsbudget zu diskutieren“, schreibt die Wissenschaftlerin Tatjana Rosendorfer in ihrer Studie Kinder und Geld. Wie viel Vater und Mutter verdienen und wie sie ihr Geld anlegen, geht die Kinder einfach nichts an. Häufig, so Rosendorfer, wollten die Eltern eben nicht, dass der Sohn oder die Tochter „finanzielle Interna der Familie bei Freunden ausplaudern“. Für Deutsche undenkbar: In Schweden darf jeder von jedem bei den Steuerbehörden das Gehalt erfragen.
So bleibt die Schule der einzige Ort, wo finanzielle Bildung umfassend und ohne Rücksicht auf Einkommen und Lebensstandard vermittelt werden kann. „Wenn unsere Kinder keinen ordentlichen Finanzunterricht bekommen, stehen ihnen erdrückende Schulden, eine dürftige Altersvorsorge und sogar der Bankrott bevor“, warnt der amerikanische Finanzprofessor Lewis Mandell. Zwar spielt die private Altersvorsorge in den Vereinigten Staaten immer noch eine viel größere Rolle als hierzulande. Aber spätestens mit der Riester-Rente haben sich auch die Deutschen auf den Weg zu mehr finanzieller Eigenverantwortung gemacht.
Falsche Fächer. Bereits 1999 hat das Deutsche Aktieninstitut (DAI) in Frankfurt daher ein Memorandum zur ökonomischen Bildung vorgestellt. Doch das Plädoyer der Aktienlobbyisten für ein Schulfach Ökonomie stieß auf wenig Gegenliebe. „Der Kontakt der Schule mit der Wirtschaft und mit der Arbeitswelt“ sei „fest etabliert“, hieß es aus Bayern; in Nordrhein-Westfalen wiederum waren die Behörden stolz darauf, dass „wirtschaftliche Inhalte bereits in der Grundschule im Sachunterricht dargestellt“ werden. Noch in diesem Sommer will DAI-Chef Rüdiger von Rosen einen neuen Vorstoß wagen.
Theoretisch findet Wirtschaft in der Schule so gut wie in allen Bundesländern statt. Aber überall anders. Und überall am Leben vorbei. Statt die Kinder auch in Sachen Geld optimal vorzubereiten, bilden die Lehrer kleine Volks- und Betriebswirte aus. Die wissen dann alles über das Stabilitätsgesetz von 1967 und die Machtverteilung zwischen Arbeitgebern und Gewerkschaften. Aber wie man seine privaten Finanzen organisiert? Oder sich auf ein Gespräch mit dem Anlageberater vorbereitet? „Insgesamt macht der Unterricht, in dem Geld explizit eine Rolle spielt, wahrscheinlich kaum mehr als ein Prozent der Allgemeinbildung in der Schule aus“, schätzt Udo Reifner, Professor für Wirtschaftsrecht und Direktor des Hamburger Instituts für Finanzdienstleistungen. Im Auftrag des Bundesfamilienministeriums hat er den Stand finanzieller Bildung in Deutschland erforscht.
Es ist schon paradox: Wer eine Fahrschule besucht, lernt die Verkehrsregeln ja auch nicht anhand des Bundesverkehrswegeplans, sondern in ganz konkreten Alltagssituationen. Wo muss ich halten? Wann darf ich wie schnell fahren? Wann hat wer Vorfahrt? Der Grund ist klar, wir alle fürchten die Gefahr, wenn unkontrollierte Rowdys über die Straßen rasen – weil bei Unfällen im Straßenverkehr so viel passieren kann. Gesellschaftliche Kosten nennen das die Ökonomen, und deshalb ist es gut, wenn der Staat aufpasst und für Autofahrer eine Ausbildung vorschreibt. Allerdings verursachen auch finanzielle Analphabeten gesellschaftlichen Kosten – nur werden die offensichtlich gar nicht erkannt. Wenn künftig immer mehr Menschen arm in Rente gehen, weil sie falsch oder gar nicht fürs Alter vorgesorgt haben, muss am Ende doch der Staat zahlen. Und damit wir alle. „Es gibt in der Schule auch kein Fach Umweltschutz, aber dennoch ist das Thema in den Unterricht hineingewachsen“, sagt DAI-Chef von Rosen, „weil da ein gesellschaftliches Interesse besteht. Das sehen wir trotz der hohen Relevanz auf die eigene Lebensgestaltung bei Geldthemen nicht.“
Selbst die zahlreichen Initiativen aus der Wirtschaft für mehr Wirtschaft in der Schule haben meist nur die künftigen Jungunternehmer oder Chef-Volkswirte im Blick. Zum Beispiel das Projekt business@school der internationalen Unternehmensberatung Boston Consulting Group (BCG). Seit Ende der neunziger Jahre läuft business@school in den Oberstufen deutscher Gymnasien, rund 3500 Schüler haben bislang Großkonzerne analysiert, Strategien für kleine Unternehmen aus der Nachbarschaft entwickelt und eigene Geschäftspläne erarbeitet. „Wirtschaft kann nur verstehen, wer auch ihre treibenden Kräfte versteht – und das sind die Unternehmen“, sagt Dieter Heuskel, Deutschland-Geschäftsführer der BCG in Düsseldorf. „Wer nicht versteht, woher sein Geld kommt, kann auch nicht wissen, was er damit tun soll.“
Oder die Initiative Ökonomische Bildung Online, hinter der die Universität Oldenburg und die Stiftungen Bertelsmann, Heinz Nixdorf und Ludwig Erhard stehen: Sie liefert gleich den Stoff für ein volkswirtschaftliches Studium. Bereits in einem halben Dutzend Bundesländern bilden sich Lehrer nach den Vorstellungen der Stiftungen fort. Zur Wahl stehen unter anderem „Ordnungsökonomik“, „Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung“ und die „Geschichte ökonomischer Lehrmeinungen“. Gerade mal ein Zehntel des Lernstoffs hat mit Verbrauchern oder privaten Finanzen zu tun.
Dabei wäre es wichtig, so früh wie möglich auf den Umgang mit Geld einzugehen. Kinder und Jugendliche sind eine Wirtschaftsmacht; fast zehn Milliarden Euro können sie jedes Jahr für Computerspiele, Skateboards oder Kinokarten ausgeben. Die Zahl der jugendlichen Aktionäre und Fondsbesitzer ist in den vergangenen zwei Jahren um 50 Prozent gestiegen. Deutschlands Jugend hat so viel Geld wie nie – und ist damit überfordert wie nie. Nach dem Ersten Reichtums- und Armutsbericht der Bundesregierung haben 14 Prozent der ostdeutschen Jugendlichen Schulden, im Westen sind es sogar 20 Prozent.
Rezession macht klug. „Wir brauchen ein Fach, das sich ausschließlich mit der Frage der Haushaltsführung und dem Familienleben befasst. So etwas gibt es in Deutschland nicht, und das steht im krassen Widerspruch zur den – nur banal klingenden – Herausforderungen des Alltags“, fordert der Bonner Wirtschaftsprofessor Michael-Burkhard Piorkowsky. Dafür haben sich auch das Bundesfamilienministerium und die Spitzenverbände der Freien Wohlfahrtspflege ausgesprochen, zu denen unter anderem Caritas, Arbeiterwohlfahrt, und Diakonisches Werk gehören. Finanzielle Allgemeinbildung könnte Teil eines solchen Unterrichts sein, der sich an sämtlichen Bedürfnissen des Verbrauchers orientiert. Damit wäre all jenen geholfen, denen wir immer wieder sagen, sie würden nicht für die Schule lernen, sondern für das Leben – den Menschen.
Wenn die Schulen ihre Schüler wirklich aufs Leben vorbereiten wollen, müssen sie sich öffnen. Wie das geht, zeigt ein ganz anderes Beispiel. Seit einigen Jahren schon gehen deutsche Spitzenköche in die Schulen der Republik – zum Geschmacksunterricht. Weil die Dosengemüse- und Fast-Food-geschädigten Kinder von heute kaum noch in der Lage sind, süß von sauer und bitter von salzig zu unterscheiden, und viele nicht einmal mehr nicht wissen, wie frisches Obst schmeckt oder wie frischer Schnittlauch aussieht, helfen ihnen die Köche der Kochvereinigung Eurotoques beim Training der Geschmacksnerven. Die Idee dahinter: Sind die Kinder erst auf den Geschmack gekommen, wird auch zu Hause mehr frisch gekocht.
Die Schule der Zukunft muss eine andere sein. Selbst bei einem Fach wie Sport wird es nicht mehr allein darum gehe, wer am schnellsten rennt, am höchsten springt oder am weitesten wirft. Es wird darum gehen, wie man sich richtig bewegt, gesund ernährt und den Körper pflegt. Gesundheit statt Sport, Verbraucherkunde statt Schulfach Wirtschaft – die klassischen Kategorien müssen verschwinden. Und genauso wie über den Geschmacksunterricht schon heute erreicht werden kann, dass zu Hause wieder mehr aufs Essen geachtet wird, könnte der Verbraucherunterricht in der Schule viele Familien dazu zwingen, das Thema Geld zu enttabuisieren.
Natürlich werden wir nie alles wissen. Aber wir brauchen auch nicht zu begreifen, wie man das Delta eines Optionsscheins berechnet, wie sich die Manager von Hedgefonds gegen Kursschwankungen absichern oder wie man eine technische Chartanalyse erstellt. „Zur Bildung gehört auch zu wissen, was man nicht wissen darf“, schreibt der Literaturprofessor Dietrich Schwanitz in seinem Buch Bildung – Alles, was man wissen muss . Wir müssen nur in der Lage sein, die richtigen Fragen zu stellen. Wir müssen wissen, woher wir uns Wissen beschaffen können. Und dabei immer im Hinterkopf behalten, dass es falsche Freunde gibt.
Der Feinkosthändler Peter Gießer scheiterte, weil er all das vergaß. Hunderttausende deutscher Kleinaktionäre haben an der Börse viel Geld verloren, weil sie sich selbst überschätzten. Und fast jeder kennt wohl das Gefühl, nach einem Beratungsgespräch zwar viel gehört, aber wenig verstanden zu haben.
Die Krise ist die Chance zum Umdenken. Jetzt merken die Menschen, dass sie von Geld wenig Ahnung haben, im nächsten Boom dagegen glaubt wieder jeder, alles zu wissen. Doch finanzielle Analphabeten zu bleiben ist auf Dauer keine Alternative.
„Die Dummen“, spottete schon der britische Ökonom John Kenneth Galbraith, „werden früher oder später von ihrem Geld befreit.“
* Name geändert
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- Quelle (c) DIE ZEIT 06/2003
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