Die Diagnose steht fest, aber auch ein eigenes Schulfach oder Lernfeld "Finanzen" würde das Problem nicht lösen. Viel sinnvoller wäre es dagegen, ein auf Haushalt und Familie bezogenes Fach an sämtlichen allgemeinbildenden Schulen einzuführen, wie es zum Beispiel die Deutsche Gesellschaft für Hauswirtschaft fordert.

Vermittelt werden müsste nicht nur Instrumentalwissen wie Finanzplanung und Zinsrechnung, sondern auch Orientierungswissen. Die Orientierung bestünde darin, dass – mit Bezug auf demokratisch verfasste und pluralistische Marktgesellschaften – die Menschen in ihren Haushalten und die Familien als Hauptakteure von Wirtschaft und Gesellschaft verstanden werden. Im Laufe der Schulzeit kann der Unterrichtsstoff vom Haushalten zu den anderen Wirtschaftsaktivitäten problemlos weiterentwickelt werden: über Selbsthilfe, Ehrenamt und Erwerbsarbeit einschließlich Unternehmensgründung sowie vom Wochenmarkt über den Flohmarkt und den Supermarkt bis hin zum Aktien- und Weltmarkt.

Wirtschaftliche Allgemeinbildung darf nicht nur die halbe Wirtschaft umfassen. Auch Finanzentscheidungen sind eingebettet in die Ökonomie des Alltags. Jede Entscheidung für eine einzelne Ausgabe oder Vermögensanlage ist immer eine Entscheidung gegen eine andere Verwendung und berührt das gesamte Geldbudget, oft auch das Zeitbudget. Die Beschaffung von Geld ist fast immer mit Entscheidungen über Alternativen der Erwerbstätigkeit oder mit der Durchsetzung von Ansprüchen an den Sozialstaat verknüpft. Häufig haben Finanzentscheidungen einen langen Zeithorizont und bestimmen somit das künftige Geld- und Zeitbudget für viele Jahre oder sogar für Jahrzehnte.

Aber wir sind fast alle nicht nur finanzwirtschaftliche, sondern – noch schlimmer – ökonomische Analphabeten. Die Konzepte der Wirtschaftsverbände, die seit langem eine bessere ökonomische Allgemeinbildung in den Schulen fordern, verkennen private Haushalte und ignorieren soziale Netzwerke sowie Vereine und Verbände. In ihrer Funktion als Produzenten personaler und kollektiver Güter kommen sie gar nicht oder nur marginal vor. Stattdessen wird ökonomische Bildung auf den Geld- und Güterkreislauf zwischen Haushalten, Unternehmen, Staat und Ausland sowie Aktivitäten in den Wirtschaftssektoren und Institutionen beschränkt. Dargestellt werden ausschließlich wirtschaftliche Transaktionen, die mit Geldströmen verbunden sind. Haushaltsproduktion, Selbsthilfe und Ehrenamt finden nach diesem Verständnis außerhalb der Wirtschaft statt.

Übersehen wird dabei, dass die konsumierbaren Güter ganz überwiegend nicht am Markt erworben, sondern letztlich in den Privathaushalten produziert werden. Der US-Ökonom und Nobelpreisträger Gary S. Becker argumentierte bereits 1965: Wer isst schon rohes Fleisch? Das Fleisch wird zwar beim Metzger gekauft, aber zu Hause gewürzt, gebraten und serviert. Auch das ist ein Teil der Ökonomie, selbst wenn die Arbeit nicht bezahlt wird.

Nach einer Erhebung des Statistischen Bundesamtes von Anfang der neunziger Jahre entfallen rund zwei Drittel der jährlich erbrachten 124 Milliarden Arbeitsstunden in Deutschland auf unbezahlte und nur gut ein Drittel auf bezahlte Arbeit. Angesichts der Bedeutung der "Nicht-Markt-Ökonomie" der Haushalte und des "Dritten Sektors zwischen Markt und Staat" für die Güterversorgung und in Anbetracht des Ziels einer ökonomischen Allgemeinbildung kann diese eingeengte Sichtweise nur verwundern.

Der Autor ist Professor für Haushaltsökonomie an der Universität Bonn und Mitglied des Wissenschaftlichen Gutachtergremiums für den Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung