Hannover

K raft, Wärme, Zukunft. Seit vier Tagen tourt Sigmar Gabriel durch Niedersachsen, begleitet von einem Wahlkampfslogan, der ihm Wort für Wort auf den wuchtigen Leib geschnitten wurde. Kraft steht auf den Plakaten an erster Stelle.

Gabriel gibt die Rolle, die er sich für diese Kampagne entworfen hat: den dynamischen Souverän, überlegen, selbstbewusst, mit einem koketten Hang zum Überparteilichen. Man müsse Wahlkämpfe nicht immer so führen, sagt er gleich zu Beginn einer Kundgebung in Stade, "dass man auf die anderen einschlägt". An die Adresse der niedersächsischen CDU gerichtet, fährt er fort: "Wenn die den Wahlkampf führen, indem sie Stimmung gegen Berlin machen, dann ist das deren Problem." Später nennt er noch den saarländischen Ministerpräsidenten Peter Müller "meinen Freund" und erklärt den überraschten Zuhörern: "Es gibt auch in der CDU vernünftige Politiker." Ja, doch.

Zehn Tage später sitzt der dynamische Souverän in einem hübschen Café in Hannover am Maschsee. Vor dem Lokal hat die SPD einen Anhänger mit einer Plakatwand geparkt. Sie zeigt Gabriels Herausforderer. Darüber steht: "Wulff – besser nicht!" Weil der CDU-Kandidat zu feige sei, seine eigenen Positionen zu erläutern, werde die SPD nun "die Verhältnisse zum Tanzen bringen", erklärt Gabriel den Journalisten. Verzweiflung?

Gabriel macht sich erst gar nicht die Mühe, diese dramatische Volte schönzureden: "Das ist immer eine Frage der Alternative." Billig? "Ich mache keinen Volkshochschulkurs, sondern Wahlkampf."

Und weil die CDU partout über bundespolitische Themen sprechen möchte, sagt Gabriel auch schnell noch einen Satz zum Irak. Amerikanische Interessen? "Es geht um Öl und nicht um Frieden in der Welt." In der fernen Vergangenheit, vor zehn Tagen, hatte er dieses Thema noch ausgespart.

Der Kanzler und sein Klon

Sigmar Gabriel, das Scheidungskind, das wider Willen zuerst bei seinem Vater aufwuchs, bevor die Mutter nach sieben Jahren endlich den Prozess um das Sorgerecht gewann, hat bislang eine erstaunlich glatte politische Karriere hinter sich. Gabriel war 31 Jahre alt, als er 1990 als Direktkandidat zum ersten Mal in den Niedersächsischen Landtag einzog. Ein anderer wurde damals Ministerpräsident: Gerhard Schröder führte die SPD in Hannover zurück an die Macht. Gabriel kennt die SPD im Parlament nur als Regierungspartei. Während Schröders zweiter Amtszeit in Niedersachsen – die SPD regierte mittlerweile allein, Gabriel war zum Innenpolitischen Sprecher befördert worden – traute sich der Youngster als einer der wenigen in den eigenen Reihen, dem Ministerpräsidenten zu widersprechen. Schröder, das Alphatier, bügelte ihn nieder, spottete vor der Fraktion über "den ehemaligen Falkenführer" – und bot Gabriel 1998 an, Kultusminister zu werden. Der lehnte dankend ab und wurde stattdessen, ebenfalls mit Schröders Fürsprache, Fraktionschef. Noch einmal anderthalb Jahre später, am Ende der kurzen, für die SPD qualvollen Ära Glogowski, rückte er ganz an die Spitze. Mit 40 Jahren wurde Sigmar Gabriel, der ehemalige Volkshochschullehrer aus Goslar, Ministerpräsident in Niedersachsen – und damit endgültig Schröders Erbe.